5. An der Apotheke vorbei erreicht man den Kirchplatz und die St.-Stephani-Kirche durch einen schmalen Durchgang. Die Kirche des Sankt Stephan besteht im Großen und Ganzen seit den 1490er Jahren in ihrer heutigen Gestalt. Von wo man sich auch der Stadt nähert, hat man sie unweigerlich zuerst  im Blick. So wurde sie diskret zum sanften Wahrzeichen der Stadt Calbe an der Saale. Ohne Zweifel gehört die Stephanskirche, wenn auch in anderen Formen, zu den ältesten Bauwerken der Stadt.

 

Baugeschichte bis 1500 und historischer Hintergrund

1. Karolingische Missionskirche (um 820 errichtet)?

Die Hypothese von der Existenz einer solchen Kirche basiert nur auf Indizien, weil Überreste einer karolingischen Kirche nicht gefunden wurden.

Siegel der Stephanskirche Calbe in einem Stich von 1702

Grundlagen der Vermutung:

809 bestellte Karl der Große den Benediktiner Hildegrim (um 760? – 827), ehemals Bischof in Châlons-sur-Marne, zum Bischof in Halberstadt.
Der Lieblingsheilige Karls und Hildegrims war der christliche Märtyrer Stephanus.

Dieser Stephan war einer der ältesten Heiligen, der erste Märtyrer der christlichen Kirche, der um das Jahr 40 in der Nähe von Jerusalem durch Steinigung ermordet wurde. Er war im Mittelalter der Patron der Pferde, der Pferdeknechte, Kutscher, Steinmetzen, Maurer, Zimmerleute, Weber, Schneider und Fassmacher. Nach Ansicht der Gläubigen half er gegen Besessenheit, Gallen- und Nierensteine, gegen Seitenstechen und Kopfweh.

Das Kirchen-Siegel des Hl. Stephan zeigt ihn mit einem Buch, auf dem drei Steine liegen, und einem Palmzweig (vgl. Hävecker, Chronica..., a. a. O., S. 38).

Die Halberstädter Bischofs-Chronik („Gesta episcoporum Halberstadensium“) berichtet, dass Bischof Hildegrim in seinem Verwaltungsbezirk 35 Stephanskirchen, meist mit dem Ziel der Missionierung in Richtung Osten, anlegen ließ (vgl. Hertel, Geschichte..., a. a. O.,  S. 8). Zu diesen gehörte dann wahrscheinlich auch die Kirche des heiligen Stephanus („Sancti Stephani“) in Calvo. Stephani ist der Genitiv von Stephan(us).

So könnte die kleine karolingische Missionskirche aus Holz und Stein ausgesehen haben, wenn es sie denn gegeben hat (Computer-Simulation mit "ArCon")

Verfechter der seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert aufgekommenen Annahme von der Existenz dieser frühmittelalterlichen Kirche führen die Tatsache an, dass die calbische St.-Stephani-Kirche 1258 als eine der Archidiakonatskirchen genannt wurde (vgl. Reccius, Chronik..., a. a. O., S. 12), und solche Zentralkirchen, belegbar durch analoge Fälle im ehemaligen Halberstädter Sprengel, „nachweislich auf diese [Halberstädter] Missionskirchen zurückgehen.“ (Teitge, Zur Baugeschichte..., a. a. O., S. 1.) Auch, dass sie in unmittelbarer Nähe eines fränkischen Königshofes lag, wird gern als Anzeichen für das hohe Alter einer frühen Stephanskirche angeführt.

Berechtigte Zweifel an der These:

In jüngerer Zeit jedoch wurde die immer wieder kolportierte Hypothese von den 35 von Hildegrim in unserem Raum gegründeten Stephans-Pfarrkirchen, die besonders von dem arrivierten Braunschweiger Historiker Paul Jonas Meier am Ende des 19. Jahrhunderts vertreten wurde,  stark in Zweifel gezogen (vgl. Erbe, Studien zur Entwicklung des Niederkirchenwesens…, a. a. O., S. 91 ff. und S. 143 ff.). So sind z. B. die als Beweis angeführten „Gesta episcoporum Halberstadensium“, die von 35 „pebeiae ecclesiae“ sprechen, die Hildegrim gegründet haben soll, erst drei oder vier Jahrhunderte nach dem Wirken des apostrophierten Bischofs niedergeschrieben worden, wobei nachweislich etliche politisch-propagandistisch motivierte Verfälschungen vorgenommen wurden (vgl. ebenda, S. 97). Einige Historiker sprechen sogar von einer frappanten „Geschichtsklitterung“ (vgl. Grieme, Zur Aussagekraft von Bistumschroniken…, a. a. O., S. 194 und Schlochtermeyer, a. a. O., S. 82.) Deshalb kann an den seit rund hundert Jahren akzeptierten Hypothesen über die Gründung der Calber St.-Stephani-Kirche unter Bischof Hildegrim nicht länger festgehalten werden.

Wahrscheinlicher ist, dass die Stephanskirche in Calbe eine bischöflich-halberstädtische Konkurrenz- und Kontrollgründung gegenüber schon bestehenden Eigenkirchen, z. B. der St.-Nicolai-Kirche der Fernhändler am nördlichen und der Königshof-Kapelle „St. Johannis Baptistae“ am  südlichen Rand der damaligen Siedlung darstellte (vgl. Erbe, ebenda, S. 94 und Herrfurth, Klaus, Königshof und Kaufmannssiedlung…, a. a. O., S. 7 ff.) (s. nächsten Abschn.)

2. Ottonische bzw. romanische Kirche aus Sandstein (10. bis Mitte des 13. Jahrhunderts) 

Ottonik : 10. Jahrhundert

Romanik : ca. 1000 bis ca. 1200

Bei den größeren Renovierungen  der Kirche 1866 und 1938 kamen einige erhaltene Reste einer kleineren Kirche romanischen Ursprungs im Ostbau in 1,6m Tiefe zu Tage (vgl. Teitge, a. a. O., S. 2).

Vermutlich wurde die älteste calbische Stephanskirche im frühen 10. Jahrhundert als Konkurrenzkirche zur Durchsetzung der Machtansprüche des Halberstädter Bischofs oder in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Schenkung des Königshofes an das neue Erzbistum Magdeburg (968) als erzbischöflicher Repräsentationsbau errichtet. Die erstgenannte Annahme ist aber wahrscheinlicher (s. vorigen Abschnitt).

Die Länge der aus Sandstein errichteten Kirche betrug etwa 25 bis 30 Meter, die Höhe etwa 10 Meter. Die Ost-, Nord- und Süd-Mauern entsprachen ziemlich genau den Begrenzungen des heutigen Chor- bzw. Altarraumes. Die westliche Ausdehnung reichte ungefähr bis zu den östlichsten Pfeilern im jetzigen Kirchenschiff. In diesem Bereich wurde 1866 im Bauschutt eine kleine Säule mit einem schönen romanischen Blätterkapitell gefunden, die "nur als Scheide in einem Schalloch gestanden haben kann", wie G. M. Rocke berichtete  (vgl. Rocke, Geschichte..., a. a. O., S. 91). Das bedeutet, dass die romanische Stephanskirche bereits einen Turm besaß. Aus dem Grabungs-Befund geht auch hervor, dass die Kirche einschiffig war. Außerdem zeigt der Nachfolge-Bau, der  Altarraum, dass sie eine flache Decke besaß. (Die gotische Wölbung, wie wir sie heute sehen, ist ein Holz-Imitat von 1739.) In den ausgegrabenen Fundamenten kamen auch die Mauerumrisse einer  Eingangstür auf der Südseite zum Vorschein.

 

Lage der ottonischen bzw. romanischen  Sandsteinkirche im Bereich der heutigen Hallenkirche

 

Brandspuren an den aufgefundenen Mauerresten (vgl. Teitge, a. a. O., S. 3) legen den Schluss nahe, dass die Kirche bei einer Feuersbrunst, vielleicht während der Rachefeldzüge Heinrichs des Löwen und seiner Söhne (u. a. Kaiser Otto IV.) im Rahmen der Welfen-Staufer-Kriege, während der Calbe dreimal (1179 und 1199/1200 (bzw. 1204) in Schutt und Asche sank, zerstört wurde.

Möglicherweise stammt ein an der südöstlichen Kapelle eingemauertes, inzwischen stark verwittertes Sandstein-Relief eines Kruzifixes aus romanischer oder frühgotischer Zeit (s. Abb. links).

 

3. Konzept einer größeren Stephanskirche (seit dem Ende des 12. Jahrhunderts)

 

3.1. Bau des Turmhauses (seit Ende des 12. Jahrhunderts)

Wie der romanische Unterbau des wuchtigen Turmhauses zeigt, lag sicherlich schon zur Zeit der ersten großen wirtschaftlichen und politischen Blüte Calbes unter Erzbischof Wichmann von Seeburg das Konzept einer größeren Stadtkirche in den heutigen Ausmaßen vor. Man hatte wohl in Zeiten der Prosperität mit dem Bau der potentiellen Westseite begonnen, musste aber das Vorhaben wegen der welfischen Vernichtungs-Feldzüge abbrechen.

In dieser ersten Phase des Turmhaus-Baues war noch nicht an das imposante Westportal, wie es uns heute beeindruckt, gedacht worden. Das spätgotische Portal wurde erst beim Bau der Hallenkirche in das Turmhaus eingefügt, wie "Narben" in der Westfront zeigen. Das dazu notwendige Herausbrechen des ursprünglichen Mauerwerks und Einmauern des neuen Portals stellt eine beachtliche Leistung der Baumeister dar.

Das Turmhaus, zumindest die als älter einzuordnende Südseite, muss im Wesentlichen schon in der Mitte des  14. Jahrhunderts fertig gewesen sein, denn der Turmwächter der Stephanskirche wurde 1356 "wegen seines ihm gebührenden Gehaltes beim Rate der Stadt vorstellig." (Dietrich, Ein Gang..., a. a. O., S. 10.) Da der Turm der romanischen Kirche wohl kaum den Brand (s. oben unter 2.) überstanden haben kann, wird der Türmer - wie bis ins 20. Jahrhundert hinein - sicherlich in den jetzt noch vorhandenen Türmen untergebracht gewesen sein.

 

3.2. Frühgotische Behelfskirche (ca. zweite Hälfte  bis Ende des 13. Jahrhunderts)

Frühgotik : ca. 1150 bis ca. 1300

Der wirtschaftliche und politische Hintergrund für die erneuten Bauaktivitäten und groß angelegten Planungen war 1268 die  Verleihung des "Jus patronatus", des Patronatsrechts, über die St.-Stephani-Kirche an das inzwischen auf dem Kulminationspunkt seines Reichtums und seiner Macht stehenden Stiftes "Gottes Gnade" (s. Station 12) durch Erzbischof Konrad II. Graf von Sternberg (vgl. Leuckfeld, a. a. O., S. 67 und Reccius, a. a. O., S. 12 f.). Die Rechte des calbischen Archidiakons (Kirchenvisitation, Einführung der Pfarrer, Abhaltung des geistlichen Gerichtes und der Pfarrkonferenzen im Bannbezirk) sollten aber nicht angetastet werden. Der Archidiakon für den etwa 40 Kirchen umfassenden und seit der Mitte des 11. Jahrhunderts bestehenden Kirchenbann Calbe (vgl. Erbe, a. a. O., S. 94) war ein Domherr, der dem Hochadel entstammte (vgl. Reccius, a. a. O., S. 23).

Der klösterliche und kommunale Wohlstand war ein Nachklang der starken Zentralgewalt des kurz zuvor verstorbenen Stauferkaisers Friedrich II. und seiner bedeutsamen Landfriedensordnung. Nur durch die Unterbindung des Fehden-Unwesens innerhalb des Reiches konnte die Wirtschaft der Städte und Dörfer aufblühen.

 

Schmale frühgotische Fenster, die mit ihrem hohen Ansatz auf darunter liegende Seitenschiffe hinweisen

Da das Gelände westlich vor der kleineren romanischen Kirche zur Herrenstraße (Ritterstraße) hin um ein bis zwei Meter anstieg, musste man, wenn man die Kirche in westlicher Richtung um ca. das Doppelte vergrößern wollte, den Kirchplatz einebnen. Diese Planierungsarbeiten brachten es mit sich, dass die alte Kirche nun rund anderthalb Meter unter die Erdoberfläche kam.

Der Neuausbau begann wegen des dringend benötigten Altar-Raumes im Osten und geschah in frühgotischen Formen. Nun benutzte man Bruchsteine statt des vorher verwendeten Sandsteins. Die Fußboden-Ebene dieser östlichen Teil-Kirche wurde erhöht und wegen des weiteren Baugeschehens der Raum behelfsmäßig im Westen abgeschlossen. In Bezug auf die noch im jetzigen Altarraum sichtbaren Formen schrieb Hans Teitge: "Frühgotisch sind die schmalen seitlichen Fenster, die in ihrer Gestalt bis auf den Spitzbogen noch ganz den romanischen gleichen, frühgotisch auch die langgestreckten Fenster des Ostabschlusses, von denen nur das mittelste Raum bot, es durch einen - etwas massiv ausgeführten, wenig gekehlten - Pfosten zu teilen und es mit einfachstem Maßwerk zu versehen." (Teitge, a. a. O., S. 5.)

Auch eine 1866 und 1938 bei Ausschachtungsarbeiten gefundene spitzbogige Türeinfassung mit Treppen in der Südwand der Behelfskirche (vgl. Teitge, ebenda und Rocke, a. a. O., S. 91) weist darauf hin, dass der Raum als Andachtsraum für die Gemeinde genutzt wurde.

Lage der frühgotischen Behelfskirche und des begonnenen Turmhauses im Bereich der heutigen Hallenkirche

3.3. Hochgotische Basilika (14. Jahrhundert bis 1433)

Hochgotik : ca. 1250 bis ca. 1400

Schon wenige Jahre nach dem Tod Friedrichs II. begann 1277 im Magdeburger Gebiet wieder das Fehden-Unwesen, in das auch Erzbischof Günther I. Graf von Schwalenberg verwickelt war, so dass Stiftskloster und Stadt nicht unerhebliche Schäden erlitten. Die schlimmen Zeiten fanden unter dem habgierigen und vertragsbrüchigen Erzbischof Burchard III., Graf von Mansfeld-Schraplau, ihren traurigen Höhepunkt. Der verhasste Fürst inkorporierte 1323 die Stephanskirche dem Stift "Gottes Gnade", wodurch dieses zwar alle Baulasten zu tragen hatte, aber auch die nicht unerheblichen Einnahmen der Kirche in das Stift flossen. Der raffgierige Erzbischof wurde so alle Sorgen mit dem bestimmt sehr aufwändigen Bauprojekt los. Vermutlich machte erst der allgemeine Wirtschaftsaufschwung unter Kaiser Karl IV. und dem Schirmherrn Calbes, Erzbischof Dietrich Portitz, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts einen forcierten Weiterbau möglich.

Über den Dächern der "Winterkirche" und der Sakristei sichtbare Gewölbespuren der alten Altarnischen für die Heiligen Anna und Petrus

Im 14. Jahrhundert mündete das Projekt in eine dem Zeitgeschmack entsprechende hochgotische Basilika mit zwei Seitenschiffen. Das Langhaus wurde bis zum Turmhaus ausgedehnt und schloss an dieses an. Die Scheidewände zwischen Mittelschiff und Seitenschiffen verliefen in der Verlängerung der Seitenwände des heutigen Altarraumes. Diese Wände waren in basilikaler Art vermutlich mit 6 Arkaden durchbrochen (vgl. Teitge, a. a. O., S. 6 f.). An den Ostseiten der Seitenschiffe waren Altarnischen für die Seelennöte der Gläubigen eingerichtet worden. Die Seitenschiffe endeten in seitlich neben dem Altarraum angebrachten Nischen für die Heiligen Anna und Petrus. Eine Kirchenrechnung für 1621/22 (Stadtarchiv Calbe/S.) verzeichnet einen Vertrag mit einem Maurer Jost Pistel, für 46 Taler die "beiden Sacrist gewelbe" abzubrechen und wieder aufzumauern. Mit den Sakristeigewölben waren die St.-Anna- und St.-Peter-Altarnischen gemeint. Die Vermauerung des Langhauses nach Abriss der Nischen kann man noch über dem später angefügten Spritzenhaus (jetzt: "Winterkirche") sehen (s. Abb. rechts).

Arkaden und - wegen der Seitenschiffe - hoch stehende Fenster in der flach gedeckten St.-Servatii-Basilika in Quedlinburg 

Von den Nischen führten zum Hochaltar auf der Nord- und auf der Südseite je eine Tür, die später zugemauert wurden.

Wegen dieser Seitenschiffe waren die Fenster des Mittelschiffes hoch angebracht, wie es im heutigen Ostanbau, dem Altarraum, deutlich zu erkennen ist.

Auch am Turmhaus sind, besonders in der Gestaltung der Schallöffnungen, Stilelemente der Hochgotik sichtbar.

Hochgotisches Maßwerk in einer Schallöffnung des Südturms

 

Bei der großen Kirchen-Renovierung 1866 traten aus dieser Kirchenbau-Etappe an den Wänden des Hochaltars Freskomalereien unter dem entfernten barocken Farbanstrich zutage, die J. M. Rocke so beschrieb:
„Figuren in Lebensgröße wechselten regelmäßig mit Brustbildern in Rundrahmen und grünem Reif um die Schulter der Figur; darüber ein mit rother Linie eingefaßtes römisches Kreuz. Zunächst dem Altare traten ganze Gruppen in Wolken schwebender Engel auf. Die Conturen nebst schwacher Schattenlage waren mit Gefühl und leicht hingeworfen in mattem Purpurroth. An der Nordwand hatten sich ein Erzbischof und Matthäus in lebensgroßer Figur, und die Brustbilder mit der altgothischen Ueberschrift: Theodosius (?) und Bartholomäus am besten erhalten." (Vgl. Rocke, a. a. O., S. 96.)
Die von Rocke selbst angezweifelte, kaum lesbare Inschrift "Theodosius" könnte einen Sinn machen, wenn man "Theodericus" liest, denn das war der Förderer Calbes, Erzbischof Dietrich Portitz (Reg. 1361-1367). Dann wären also die Freskobilder frühestens in den 1360-er Jahren angebracht worden. Allerdings kann man auch nicht ganz ausschließen, dass eventuell der byzantinische Kaiser Theodosius II. gewürdigt werden sollte, der laut „Legenda aurea sanctorum“ (Goldene Legende der Heiligen), dem beliebtesten religiösen Volksbuch des Mittelalters, dafür sorgte, dass die Gebeine des Heiligen Stephan von Konstantinopel nach Rom überführt wurden und dadurch Licinia Eudoxia, die Tochter Theodosius’ - später selbst Kaiserin - von einer dämonischen Besessenheit geheilt werden konnte (vgl. Ökumenisches Heiligenlexikon http://www.heiligenlexikon.de/BiographienS/Stephanus.htm; Legenda aurea, Ausgabe von 1480, digital unter: Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek http://inkunabeln.ub.uni-koeln.de/ ISTC Nr.: ij00096000 [Die Verteilte digitale Inkunabelbibliothek ist ein Projekt der Bibliotheken: Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek und Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel]; Die Legenda aurea, Übersetzung aus dem Lateinischen von Richard Benz, Gütersloh 2004.)

Lage der hochgotischen Basilika im Bereich der heutigen Hallenkirche, wobei eine starke Übereinstimmung der Ausmaße deutlich wird


Die im 15. Jahrhundert in unserer Gegend erneut einsetzenden Kriege der Territorialfürsten untereinander und gegen die erstarkenden Städte zogen auch Calbe wiederum in Mitleidenschaft. Erzbischof Günther II. Graf von Schwarzburg war ein streitsüchtiger und kriegerischer Mann, dessen jahrelanger Hader mit den um ihre Rechte kämpfenden Magdeburgern den Zweitsitz des Erzbischofs, in dem er sich mit Soldaten verschanzt hielt, am 16. Oktober 1433 stark traf. Die Kanonade der verbündeten magdeburgischen Truppen zerstörte in Calbe viele Gebäude, u. a. wahrscheinlich auch die St.-Stephani-Kirche.
 

4. Errichtung einer spätgotischen Hallenkirche (um 1450 bis 1495)

Spätgotik : ca. 1350 bis ca. 1550

Vielleicht war der Mittelteil der Basilika durch die Kanonade von 1433 so stark beschädigt worden, dass man an einen Wiederaufbau denken musste.

Inzwischen hatte sich eine neue Stilrichtung durchgesetzt, die Spätgotik mit ihren Hallenkirchen.

Die gewachsene Bevölkerungszahl machte es in den Städten notwendig, wenn man nicht neue Kirchen bauen wollte, die Gotteshäuser mit mehr Raum für die Gemeinde auszustatten. Auch die Akustik war in einer Halle besser als im engen Mittelschiff einer Basilika. Die besonders im deutschen Raum beliebte Hallenkirche atmete in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit ihrem dem Mittelalter abgewandten Inneren den Geist der bereits herauf ziehenden sozial-strukturellen und politischen Veränderungen, besonders der Reformation.

Der Strebepfeiler kaschiert das überstehende Langhaus

Nach 1433 (eventuell aber auch schon eher?) begann man von Westen, also vom Turmhaus, ausgehend, die Mittel- und Seitenschiffe der hochgotischen Basilika abzureißen und anschließend die Seitenwände der Hallenkirche hochzuziehen. Einstweilen blieb der Ostteil der Basilika erhalten, weil man während der jahrelangen Bauarbeiten nicht auf den - allerdings räumlich eingeschränkten - Gottesdienst verzichten konnte.

Der neue Mittelbau wurde an das wuchtige Turmgehäuse gesetzt und anschließend die Lücke verfüllt. Das Langhaus des neuen Baues geriet - aus welchen Gründen auch immer - etwas breiter als der Westbau. Das fällt aber nicht wesentlich auf, weil an den fraglichen Ecken schräg  zur Längsachse stehende Strebepfeiler angebracht wurden.

Es ist anzunehmen, dass auch der östliche Teil mit dem Altarraum abgerissen und durch einen polygonalen Chor ersetzt werden sollte. Aber nach dem 7. Strebepfeiler hörte man mit der Errichtung des Hallen-Langhauses auf und schloss es zum Altarraum hin ab. Da dieser aber sich so, wie er war, nicht in den Neubau einfügte, musste man seine Wände erhöhen (vgl. Teitge, a. a. O., S. 15). Der "Aufsatz" beträgt etwa 2,5m (vgl. Rocke, a. a. O., S. 92). Die "Nahtstellen" zwischen den beiden unterschiedlich hohen Häusern (Lang- und Chorhaus) und die Erhöhung der Chorraumwände sind noch sichtbar.

Dass ein Weiterbau in östlicher Richtung eigentlich vorgesehen war, zeigt die senkrecht zur Mauer verlaufende Stellung der beiden östlichsten Strebepfeiler, während das westliche Pfeilerpaar in einem Winkel von 45 Grad steht (s. Abb. links). Hätte das Langhaus hier laut Planung enden sollen, wären auch die letzten Strebepfeiler schräg gestellt worden. Außerdem stehen die Säulen, die innerhalb der Halle das Mittelschiff begrenzen sollen, nicht in einer Fluchtlinie mit den Wänden des Chorraumes (s. Abb. rechts), der dadurch um 80cm breiter ist. Auch die Maße der 3 Joche der 1739 eingezogenen Attrappen gotischer Gewölbebogen entsprachen nicht denen des Langhauses. Dadurch stehen auch die alten frühgotischen Fenster des Altarraumes nicht symmetrisch zu den künstlichen Jochen (vgl. Wickel/Thinius, Der Kreis..., a. a. O., S. 264).

All das weist darauf hin, dass der alte Altarraum nur als Behelfsgebäude fungieren sollte und ursprünglich nicht zum Gesamt-Konzept gehörte. Warum er doch noch in die Endfassung einbezogen und der weitere Langhausbau auf der Ostseite abgebrochen  wurde, ist nicht mehr zu klären.

Die Einwölbung des Mittelschiffs und der Seitenschiffe, d. h. das Zusammenführen der Joch-Bogen von den Säulen aus zu den Schlusssteinen, geschah 1475, wie das Ratshandelsbuch von Calbe ausweist (vgl. Hertel, a. a. O.,  S. 136 und Landeshauptarchiv Magdeburg, Copiar 406b). Kurz vor der Fertigstellung fügte man noch vor der rechten Eingangspforte auf der Südseite eine Kapelle an, die vom Ritter Simon von Ha(c)ke, Schlosshauptmann des Erzbischofs, gestiftet worden war. Die Hackes wohnten in dem 150m westlich von der Kirche entfernt stehenden Rittergutsgebäude, einem Rudiment des ehemaligen Königshofes. Der Schlussstein in der Kapelle und ein am Kapellenportal angebrachter Wappenstein des Erzbischofs Ernst geben 1495 als Jahr der Vollendung des Baues an.

Fertige Hallenkirche mit den 4 Teilen: Turmhaus, dreischiffiges Langhaus, Altar- bzw. Chorraum und Kapelle

 

 

Die spätgotische Hallenkirche 1500 bis heute

 

Ansicht von Süden: Die 4 Teile Turmhaus, Langhaus, Chorraum und Kapelle sind deutlich zu erkennen (Luftaufn. Oskar-Heinz Werner)

1. Die Kirche 1495 bis 1542 (Katholische Zeit)

1.1 Architektur und Ausstattung des Turmhauses

Wie schon erwähnt, wurde mit dem Bau des Turmhauses eventuell schon in romanischer Zeit gegen Ende des 12. Jahrhunderts begonnen. Mit zunehmender Höhe spiegelt er so die verschiedenen Architektur-Epochen wider und zeigt uns im Oberteil die Auffassung der Meister der Spätgotik. Etwa bis zur unteren Hälfte des Steinbaues finden sich (- abgesehen vom später eingefügten West-Portal -) Formen der Frühgotik, während die obere hoch- und spätgotisch gestaltet ist. Festungsartige Schlitze in den Turmhaus-Mauern deuten auf eine seiner Aufgaben hin: Menschen im Falle eines feindlichen Angriffs zu schützen.

Äußerlich fällt an dem Westbau eine vertikale Gliederung in vier Teile auf: Unten ein Quader, in dem sich das Westportal und die Pforte des Turmwächters befinden, darüber ein etwas höherer Quader mit Fenstern und Schießscharten, oberhalb davon die  Würfel der zwei Türme mit spätgotisch gestalteten Schallöffnungen - zwischen den Würfeln ein angedeutetes Satteldach des Turmhauses - und auf den beiden Türmen zwei spitze achtseitige Pyramiden, die aus den quadratischen Grundrissen der Türme hervorgehen. Beide Pyramiden tragen auf ihrer Spitze je eine gestielte Kugel aus Kupfer.

Das Turmhaus ist aus Bruchsteinen gemauert, die Ecken und das Portal bestehen aus Sandstein.

In seinem gemauerten Teil hat das Turmhaus eine Höhe von rund 30 Metern, die Gesamthöhe der Türme einschließlich des Knaufes beträgt 57,3m (vgl. Rocke, a. a. O., S. 93 und Hertel, a. a. O.,  S. 137).  

 

Die vertikale "Nahtstelle" zwischen dem Südturm und dem Zwischenteil mitsamt dem Nordturm, die über dem Turmhaus noch heute sichtbar ist, weist auf die verschiedenen Bauetappen des Westteiles der Hallenkirche hin. Auf dieses Phänomen wurde der Autor freundlicherweise von Herrn Bauarchitekten Hans Wolfram hingewiesen, welcher bei der Gelegenheit hypothetisch vermutete, dass der Nordturm der ältere sein könnte, weil das Baumaterial eine dunklere Farbe zeigt.

Es gibt jedoch nach Meinung des Autors Indizien dafür, dass der Südturm zuerst gebaut wurde (- vielleicht sogar in drei Höhenetappen -):

1. Nur am Südturm befinden sich eine Tür für den Türmer und ganz oben ein Querbalken für den Lastenaufzug zur Türmerwohnung.

2. Außerdem befinden sich am Südturm mehr Schießscharten für den Belagerungsfall, wobei auch diese festungsartige Bauweise auf ein ca. hundert Jahre höheres Alter hinweisen könnte.

3. Die ursprüngliche, jetzt mit Backsteinen vermauerte Tür zur Wendeltreppe im Innern des Südturmes ist noch rundbogig gehalten, was ebenfalls auf ein höheres Alter hinweist.

4. Im „Nordturm sind das oberste Gesims und die Innenausstattung der Schallöcher viel sorgfältiger ausgeführt worden.“ (Teitge,  a. a. O.,  S. 9.) Auch das könnte auf eine spätere architektonische Gestaltungsperiode verweisen.

5. Der Südturm scheint in drei Etappen errichtet worden zu sein, was auch äußerlich an den vertikalen Begrenzungen durch größere Sandsteinblöcke und sorgfältigere Verfugung mit Mörtel sichtbar wird. Die möglicherweise drei Baustufen am Südturm könnten ebenfalls darauf deuten, dass dieser schon seit dem 14. Jahrhundert als Wach- und Glockenturm in unterschiedlichen Höhen-Etappen genutzt wurde.

6. Der Südturm erscheint auch von seiner gesamten Ausstattung, besonders innen, als der bedeutendere. Die einfachere bauliche Gestaltung des Nordturms (- nicht die Ausführung der Artefakte -) ist wohl darauf zurückzuführen, dass er lediglich als architektonisches Symmetrie-Pendant zum Südturm dienen sollte und keine besondere Rolle zu spielen hatte.

7. Gegen die Hypothese, der Nordturm sei zuerst errichtet worden, spricht die Vorstellungswelt der Menschen im Spätmittelalter. Die Nordseite eines Gotteshauses war negativ besetzt, weil dort auf der Nachtseite das Böse mit seinen Dämonen lauerte.

8. Die dunklere Färbung des Nordturmes und des Mittelbaues ist sicherlich nicht nur auf unterschiedliches Gesteinsmaterial, sondern auch auf das Klima in Mitteleuropa, insbesondere während der „Kleinen Eiszeit“ (ca. Mitte des 14. bis Mitte des 19. Jahrhunderts) zurückzuführen, während der besonders häufig zyklonale Nordwestlagen herrschten. Noch heute bezeichnet man die Nordwestseite als die „Wetterseite“. Der Nordturm und der Mittelbau wirken aber schließlich auch dunkler, weil dort weniger von den größeren Sandsteinblöcken, dafür mehr flache Bruchsteine verarbeitet wurden, die viel schmaler verfugt sind.

Herr Wolfram hatte außerdem einmal eine – sicherlich aus dem 19. oder 20. Jahrhundert stammende – Zeichnung gesehen, die zeigte, dass die spätmittelalterlichen Bauleute zum Turmbau eine Rampe von der damaligen Hauptstraße (heute Wilhelm-Loewe-Straße) bis zum Turmhaus der Stephanskirche errichtet hatten. Leider ließen sich der Ursprung und der Verbleib der Zeichnung nicht mehr ermitteln. Denkbar wäre eine solche Rampenanlage schon, leider ist sie nicht quellenmäßig verifizierbar.

 

 

Altes Turmuhrwerk mit Schlag-Hammer

In den Türmen hing „ein wohl harmonierendes Geläute“ von 5 Glocken, davon im Südturm drei. Eine sechste Glocke, die "Bramme", erklang seltener. Eine der fünf Glocken hatte den Hammer der Stundenuhr, eine andere den Hammer, die Stundenzahl zu schlagen. Um 6, 11 und 18 Uhr wurde diese am Rand angeschlagen, „um die Gemeinde zum Gebeth zu ermuntern“. Die Wächterglocke schlug man u. a. um 2 Uhr an, um „das Gesinde zu wecken und auch zum Gebet zu ermuntern“. Die sechste Glocke, die "Bramme", wurde einstmals beim Auszug der zur Hinrichtung geführten Maleficanten ("Schadenmacher") und beim Auf- und Abgang des Rates gebraucht. Wie der Name schon andeutet, hatte sie einen unangenehmen, grässlich schnarrenden Klang. Sie war auf einer dörflichen Wüstung gefunden und ausgegraben worden. Zu Häveckers Zeiten hatte man sie verkauft und teils davon ein Witwenhaus und 1710 eine neue Orgel gekauft  (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 39) [Hävecker meint sicherlich die Umgestaltung der  alten Orgel durch Ankauf neuer Teile und eines barocken Gehäuses].

Ob diese von Hävecker überlieferten Glocken dieselben waren, die auch schon im Mittelalter von den Türmen der St.-Stephani-Kirche erklangen, ist ungewiss.

Die 5 Glocken nach Hertel:

  1. Die größte Glocke hing im Südturm und hatte die Inschrift:
    „Dum trahor, audite, voco vos, ad sacra venite”.
    [Wenn ich läute, hört, ich rufe euch, kommt zum Heiligtum],

  2. Eine sehr alte Glocke, die nur die Inschrift „DVM TRAOR“ trug,

  3. Auf dem Mantel dieser Glocke waren nur zwei Kruzifixe eingraviert,

  4. Diese Glocke hat oben die Inschrift:
    „O Rex Glorie Christe [PXE statt XPE] veni cum Pace Ω A“,

  5. Die kleinste Glocke hatte einen schlechten Guss und Klang.
    (vgl. Hertel, a. a. O.,  S. 138 f.)

Im Südturm wohnte der Turmwächter, der die Pflicht hatte, Tag und Nacht stündlich vier- bzw. zweimal in die Runde zu spähen und bei Feuergefahr oder anrückenden Feinden mit dem Horn Alarm zu blasen. Am Tag hängte er eine Fahne in der Richtung auf, aus der das Unheil drohte, nachts eine Laterne.

Westliches Haupt-Portal

Der Türmer hatte auch für den richtigen Gang und die Wartung des Uhrwerkes zu sorgen, wie aus Rats-Rechnungen hervorgeht (vgl. Hertel, a. a. O., S.136). Ob der Türmer identisch ist mit dem Glöckner und dem Stadtmusikanten, der mit seinen Gesellen vom Turm herab fromme Musikstücke blasen musste, war nicht zu ermitteln. Möglich ist es durchaus. In späteren Zeiten hatte der Glöckner seine bescheidene Wohnung an der Südseite vor dem Altarraum.

Kreuzblumen-Motiv als Maßwerk n den Schallöffnungen der Türme

Noch im Verlaufe des Hallenbaues wird das spätgotische Westportal in den wuchtigen Unterbau des Turmhauses eingefügt worden sein (s. oben). Die Turmfassade behielt trotz des Durchbruchs ihren schlichten Gesamteindruck, der wohl noch aus der frühgotischen Zeit herrührte. Der Baumeister verzichtete auf ornamentale Umrahmung mit Krappenkranz [= stilisiertes Blätterwerk] und hoch aufstrebender Kreuzblume (vgl. Teitge, a. a. O., S. 18). Anstelle der Kreuzblume wurde über den zwei spitzbogigen Türen des Westportals in der Fensterrahmung eine vierteilige Rose ausgeführt (s. Abb. links), ein Motiv, das immer wieder an der Kirche im Maßwerk der Fenster  und Schallöffnungen auftaucht.

Das spätgotische Gewände des Westportals zeigt wie die Südportale "Rahmen", die in ihrem Profil rund und birnenförmig sind. "Die Kehlungen zwischen den Birn- und den in ihrer Basis kannelierten [= gefurchten] Rundstäben zeigen... keine einheitliche Rundung, sondern sind unterbrochen durch eingelegte schmälere, aufwärts strebende Stäbchen." (Vgl. ebenda, S. 16.)

 

1.2 Architektur und Ausstattung des Langhauses

Wie bereits erwähnt, war das Langhaus der dreischiffigen Hallenkirche an das Turmhaus angefügt worden, wobei man die entstandenen kleinen Spalten nachträglich ausgefüllt hatte. Das "Schiff"-Langhaus hat innen eine Länge von 29,2m, das Mittel-Schiff ist 9,7m und die Seiten-Schiffe sind je 4,5m breit. Die Höhe des Mittelschiffes beträgt 13,7m, die der Seitenschiffe 13,6m (vgl. Hertel, a. a. O., S.137). Die Schiffe sind also nahezu gleich hoch, wodurch der Eindruck einer weiten, lichten Halle unterstützt wird. Die 10 Säulen, die auf der Nord- und der Südseite je 6 Arkaden bilden,  haben einen oktogonalen Querschnitt. Die Schlusssteine, die die Rippenbogen krönen, stellten im Mittelschiff von Ost nach West eine Rose, den Mond, die Sonne, den Heiligen Stephan als Patron der Kirche und das Siegel des Stiftes der Elenden, einen Totengräber, und schließlich einen Rosette dar. Die Schlusssteine im nördlichen Seitenschiff zeigten in der gleichen Reihenfolge wiederum eine Rose, einen Kalbskopf (sicherlich der "sprechende" Stadt-Name), einen Stern, Matthäus als Engel, Marcus mit dem Löwen und erneut eine Rosette. Im südlichen Seitenschiff erblickte man eine Rose, einen Stern, einen Widder, den Apostel Lucas mit dem Ochsen, Johannes mit dem Adler und eine Rosette. Am Anfang und am Ende stehen also stets eine Rose bzw. eine Rosette.

Die fünfteilige Blüte der Rose symbolisiert das Pentagramm und damit das Geheimnis, und seit uralten Zeiten gilt sie als Symbol der Verschwiegenheit. Im Christentum wurde die Rose zum Sinnbild für das Paradies, für die Jungfrau Maria, das vergossene Blut und die Wunden Christi. So symbolisierte sie zugleich die Auferstehung.

Rosette, Mond und Sonne als Schlusssteine im Hauptschiff und der (gekrönte?) Kalbskopf im nördlichen Seitenschiff

Die jeweils sechs Fenster der Seitenschiffe zeigen im "Maßwerk... mit seinen Kreisen, Drei- Vier- und Fünfpässen in den mannigfachsten Kombinationen zumeist noch... [die] Formen der Hochgotik. Ausgesprochen spätgotische Gestaltung findet sich nur vereinzelt, insonderheit ist das Fischblasenmotiv, das seit der Mitte des 15. Jahrhunderts das Feld beherrscht, nur einmal verwendet." (Teitge, a. a. O., S. 15.)

Das ist ein Hinweis darauf, dass im 15. Jahrhundert schon sehr früh mit dem Bau des Langhauses begonnen wurde, vielleicht schon zur Zeit des großen Bau-Booms unter und nach Erzbischof Dietrich Portitz am Ende des 14. Jahrhunderts. Dann hätte die Kanonade von 1433 nur zu einer Unterbrechung der Bautätigkeit geführt und wäre nicht der auslösende Faktor (s. oben "4. Errichtung einer spätgotischen Hallenkirche").

Nur einmal (oben Mitte) taucht das spätgotische Fischblasenmotiv in den vielfältigen Gestaltungsformen des Maßwerks der Fenster (Auswahl) am Langhaus auf

 

Unter und zwischen den 12 Fenstern hatten die Baumeister des Langhauses in spätgotischer Manier viel Platz gelassen, ca. zweieinhalb Meter zwischen und dreieinhalb Meter unter den Fenstern. Diese Kahlflächen sollten genutzt werden für die im 15. Jahrhundert immer beliebter gewordenen Nebenaltäre. Auch die Innungen besaßen in der Kirche solche Altäre, an denen sie ihre Morgensprachen abhielten. Das waren Versammlungen der Innungs-Mitglieder zur Regelung aller nicht der Obrigkeit unterstehenden Angelegenheiten des Handwerks, die auch eine gerichtliche Funktion haben konnten. Die Abhaltung solcher Morgensprachen und die Tatsache, dass in der Kirche auch kommunalpolitische Ereignisse wie der Ratswechsel stattfanden, zeigt unter anderem die Funktionalität der Calber Hallenkirche als Bürger- bzw. Stadtkirche.

Die Einrichtung von Neben-Altären und das Lesen ewiger Seelenmessen waren eine Erscheinung des zu Ende gehenden Mittelalters. Sie bedeuteten erhebliche zusätzliche Einnahmequellen der Institution Kirche. Auch im übergeordneten Stift "Gottes Gnade", in das die Stephanskirche seit 1323 inkorporiert war, gab es eine Vielzahl solcher Nebenaltäre. An den zahlenmäßig immer mehr zunehmenden Altären waren schlecht bezahlte Altaristen oder Vikare angestellt, die mit dem Lesen von Seelenmessen beschäftigt waren und auch jede temporär gemachte Spende dem Pfarrer abzuliefern hatten. Dieses den Geldbeutel der Bürger und Bauern sehr belastende Unwesen hatte alle Kirchen ergriffen und war eine der Ursachen für die wenige Jahrzehnte später einsetzende lutherische Reformation.

Stiftungen zum Lesen von Seelenmessen boten aber auch die Möglichkeit, Gutes für die Stadtarmen zu tun, wie das z. B. 1393 geschah, als das begüterte Ehepaar Duß eine beachtliche Summe nicht nur für eine „ewige Seelenmesse“, sondern auch für eine jährlich am Messtag zu wiederholende Speisung und Kleidung der Armen stiftete (vgl. Reccius, a. a. O., S. 25). In vielen deutschen Städten verwalteten dieses "Jahrzeitgut" Beginen, die u. a. in Calbe für die Elenden-Stiftungen tätig waren.  Ob sie auch hier die Gelder der "Jahrzeit"-Stiftungen verwalteten, was andernorts zu Konflikten führte, ist nicht geklärt.

In der St.-Stephani-Kirche waren etwa 10 (oder mehr) solcher Altäre aufgestellt. Hertel nennt acht davon:

1. Altar S. Katharinae (errichtet 1473), 2. Corporis Christi, 3. S. Petri, 4. S. Michaelis, S. Johannis Baptistae, S. Johannis Evangelistae et omnium animarum, 5. Omnipotentis Dei et intemeratae virginis Mariae ac sacrosancti corporis Christi necnon SS. Annae et Marie Magdalenae ac Odiliae, Gertrudis et Barbarae martirum et virginum (errichtet 1417), 6. Altar der Elenden (errichtet 1474), 7. S. Mariae (errichtet 1464), 8. S. Martini et Gertrudis (errichtet 1477) (vgl. Hertel, a. a. O., S. 140).

Der 1447 errichtete Altar der Elenden stand vermutlich im Sichtbereich des Siegels im Kreuzgewölbe mit dem Symbol des Totengräbers (s. oben). Das heute nicht mehr sichtbare Siegel war das zweite westliche im Mittelschiff.

Hävecker zitiert in seiner Chronik eine lange Urkunde von 1486 über die Geschäfte eines Herrn Johannes Cotte und die Errichtung seines Altars in der St.-Stephani-Kirche (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 40 ff.)

Spätgotische Darstellung des Jesuskindes mit Maria und Anna

Der Altarschrein wurde 1464 von dem Calber Gewandschneider und Tuchhändler Balthasar Rouch zu dessen Seelenheil gestiftet

1464 wurde ein Altarschrein von dem Calber Gewandschneider Balthasar (Baltzer) Rouch und von Peter Weddingen zu deren Seelenheil gestiftet (vgl. Reccius, a. a. O., S. 28) und für einen längeren Zeitraum mit bezahlten Seelenmessen verbunden (s. Abb. links), die auch noch nach Einführung der Reformation in Calbe (1542) von einem Messpriester gelesen werden mussten. Nur deshalb überstand dieser Altar die nach der Reformation einsetzenden "Säuberungen" der Kirchen von vermeintlich katholischem Beiwerk, den so genannten Bildersturm.

Reliquien und Ablasszettel waren überall in der Kirche  deponiert worden. Im Südturm hatte man noch 1653 einen Kasten gefunden mit einem Ablassbrief Tetzels, einem Stück vom Kranz Marias, drei Blutstropfen vom Schweiß Christi, in roten Futterstoff gewickelt, und einem schwarzen Samtbeutel vom Verräter Judas (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 43).

Die Kanzel, die sich wahrscheinlich an der zweiten östlichen Säule der nördlichen Reihe wie die spätere Kanzel aus Stein befand, war aus Holz gefertigt (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95).

Nachgewiesenermaßen wurden verstorbene geistliche, adlige und bürgerliche Persönlichkeiten seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts in der Kirche bestattet, wie die restlichen 25 Grabsteine, die noch im 19. Jahrhundert vorhanden waren, zeigten (vgl. Rocke, a. a. O., S. 96 f., Dietrich, Ruhestätten, a. a. O., S. 4 f.). Allerdings waren auch schon vor den Datierungen durch die dokumentierten Grabsteine Bestattungen im Innenraum der Kirche durchaus üblich. Da nicht alle toten Würdenträger an den Wänden der Kirche mit aufrecht stehenden Steinen beerdigt werden konnten, fanden die meisten von ihnen im Laufe der Zeit unter dem Fußboden der Schiffe ihre letzte Ruhe. Die steinernen Grabmale benutzte man dabei als Deckplatten, so dass die Gläubigen bald die Reliefs abgetreten hatten.

Das erste Orgelwerk von ca. 1460 soll als kleines Positiv sehr einfach gewesen sein, denn in der vorreformatorischen Zeit wurde der Kirchenmusik in einer vorwiegend für Bürger bestimmten Kirche nicht so viel Bedeutung beigemessen, wie im Protestantismus, besonders im Pietismus. Diese Orgel wird möglicherweise schon im Behelfskirchenraum gestanden haben. 1500 wurde sie ausgebessert und 1505 erweitert (vgl. Rocke, a. a. O., S. 99).

Fiale mit Krappen

Außen fallen am Langhaus zuerst die eigenartig geformten, gewaltigen Strebepfeiler mit den oben aus ihnen hervortretenden Figuren auf (s. Abb. unten rechts).

Der untere, etwa 6-7 Meter hohe Teil hat die Form eines Quaders mit einem dreiecksförmigen Giebel und einem Dach. Der Giebel ist mit Krappen, einem filigranen Blattwerk, bekrönt. Das tabernakelartige Gebilde ist für die Gotik typisch und wird Fiale genannt (s. Abb. oben Mitte). Darüber schließt sich ein ca. 4 Meter hohes Fünfeck an, das nur etwa halb so tief ist wie der untere Teil. Mit seiner nach außen zum Betrachter hin gerichteten Spitze erinnert es an die Spitze eines Meißels oder an einen Schiffs-Bug. Aus diesem Fünfeck strebt ganz oben je ein "unechter" Wasserspeier, eine Chimäre, hervor.

Diese Figuren hatten wohl nie die Aufgabe, als Regenabflüsse zu dienen. Einige von ihnen haben einen so ungünstigen Neigungswinkel, dass sie ihren praktischen Zweck, Regen-Wasser von der Traufe weg nach außen abzuleiten, nicht erfüllen konnten. Auch fehlen bei den meisten die Maul-Öffnungen. Einen nachträglichen Verschluss dieser Ausgänge aus späteren Zeiten, wie das bei manchen Kirchen geschah, kann man nicht entdecken. Bei der Figur einer Bestie, deren Kopf inzwischen abgefallen ist, sieht man keinerlei Spuren eines ehemaligen Rohrkanals. Das bedeutet: Man hat am Ende des 15. Jahrhunderts die Figuren aus rein ornamentalen und sakralen Gründen angebracht. In der Fachliteratur nennt man Wasserspeier ohne buchstäbliche Funktion Grotesken oder Chimären (vgl. Rebold Benton, a. a. O., S. 9), manchmal auch Gargoyles (vgl. Ruppitsch, a. a. O.), was aber irreführend ist, denn das englische „gargoyles“ (im Französischen „gargouilles“) heißt im Deutschen „Gurgler“ bzw. Wasserspeier. Wir sollten also sinnvoller von Chimären, unechten Wasserspeiern oder wie Klaus Herrfurth von Drolerien sprechen (vgl. Herrfurth, Die Wasserspeier…, a. a. O.), abgeleitet vom französischen „drôle“, was soviel wie „komisch“ und „seltsam“ bedeutet.

Das Erstaunliche an den Chimären der St.-Stephani-Kirche in Calbe ist, dass sie trotz recht rigider „Säuberungsaktionen“ im 16. und 19. Jahrhundert und gravierender Dachumbauten im 17. Jahrhundert nicht entfernt wurden, so wie das an etlichen europäischen Kirchen im Zeitalter der Aufklärung geschah. An einer Ehrfurcht vor spätgotischer Steinmetz-Arbeit kann das wohl nicht so sehr gelegen haben, eher an einer auch in protestantischer Zeit latent vorhandenen Furcht vor dem Einfluss dämonischer Kräfte. Hexenverbrennungen in Calbe noch im 17. Jahrhundert und Geschichten von Gespenstern und unheimlichen Vorgängen, die uns der Magister der Theologie Johann Heinrich Hävecker zu Beginn des 18. Jahrhunderts in ernsthaftem Tone hinterließ, weisen auf die tiefe psychische Verunsicherung der Menschen jener Zeit hin. So wagten sie es wohl ganz einfach nicht, die Chimären, die bislang ihre Stadtkirche vor größeren Unglücken bewahrt hatten, zu beseitigen. Und während der General-Sanierung der Kirche 1866 (s. weiter unten), in einer Epoche des Historismus, die u. a. zur „Reinheit“ der Gotik zurückkehren wollte, gehörten die spätgotischen Gestalten ganz einfach zum architektonischen Urzustand, und niemand kam auf die Idee, sie zu entfernen.

Nach Auffassung mancher Kunsthistoriker sollen die mittelalterlichen Wasserspeier und Chimären Wächter über das sinnbildliche „himmlische Jerusalem“, das die Kirchengebäude verkörperten, darstellen (vgl. Schymiczek, a. a. O., S. 23 f.), getreu dem Bibelwort: „Über deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt…“ (Jesaja 62,6).

Wasserspeier und Chimären fungierten als „Unheilabwender“ an der Grenze zwischen Kirchenmauern und den zum Himmel gereckten Dächern. (Die echten Wasserspeier spieen außerdem bei Regen oder bei ohnehin als dämonisch empfundenen Unwettern das Himmels-Wasser auf die Erde.) Ähnlich späteren Blitzableitern hatten diese wie Stacheln aufgereihten Figuren die sakrale Aufgabe, Schaden von der Kirche und den darin befindlichen Menschen abzuwenden. Da die Wasserspeier und Chimären oft eine gewollte Vielfachbedeutung sowie nur schwer zu entschlüsselnde Symbolik besaßen und an den meisten Kirchengebäuden so hoch angebracht waren, dass man nur die Umrisse erkennen konnte, kommt ihnen kaum eine erzieherische Funktion zu.

Schon in der Antike gab es solche Wasserspeier mit grotesken figürlichen Darstellungen an Gebäuden. Sie stellten Spiegelbilder der Schrecken dar, die es von den Häusern fern zu halten galt. Ihre Wiedergeburt erlebten die Wasserspeier seit dem Hochmittelalter, besonders an der Trauflinie der Kirchengebäude. Überwogen um 1200 noch die dämonischen Fabelwesen und Hybride, so wurden um 1500, zu Beginn der Renaissance und der Neuzeit, immer mehr reale Wesen wie Menschen und Tiere dargestellt (vgl. Ruppitsch, a. a. O.). Am Ende des 15. Jahrhunderts hatte sich schließlich auch die karikierende Komik in der Figurendarstellung durchgesetzt (s. unten).

Karikierender Spott, Masken und grotesker Mummenschanz waren den Menschen des 15. Jahrhunderts immer vertrauter geworden, und das nicht nur in der Faschingszeit. Schwänke voller Narretei, Zynismus, Spott und Absurditäten, die später in Volksbücher wie  „Das Narrenschiff“, „Lalebuch“ („Schildbürger“) und „Till Ulenspegel“ einflossen, waren allgemein bekannt und beliebt.

Auch wenn um 1480 die Karikatur in der figürlichen Gestaltung der Chimären an der St.-Stephani-Kirche eine deutliche  Dominanz erlangt hatte, blieb deren Grundgestus als abwehrende Wächter erhalten. Es galt auch um 1500: „Der Himmel bewahre uns in der Kirche, dem heiligen Ort, vor den Schrecken und Verderbtheiten, deren Spiegelbilder außen an der Trauflinie angebracht sind.“

An der Trauflinie der 1495 fertiggestellten St.-Stephani-Kirche waren 14 „Wächter“ zur Abwehr der bösen und verderblichen Kräfte aufgereiht, je eine Chimäre auf jedem Strebepfeiler. Diese Pfeiler standen zwischen den Giebeln der Zwerchdächer (s. unten), so dass sich bei Regen der Wasserschwall über die Figuren hinweg ergoss. Vielleicht war dieser Effekt gewollt: Das himmlische Wasser floss über die Unholde und nicht durch sie hindurch.

Die 14 Chimären an der St.-Stephani-Kirche lassen sich in 3 Gruppen (vgl. ebenda) einteilen:

2 Fabelwesen (Hybride), 4 Tiere und 8 Menschen.

Chimären an der Nordseite (Ost nach West)
Nonne/Begine Jude Wildes Tier Betender Bruder

? (abgefallener Kopf)

Sphinx Hinterhältiger Mensch

 

Chimären an der Südseite (West nach Ost)
Mönch (abgefallener Kopf) Dudelsack-Pfeifer

Dickwanst

Wolf

Nackter Modenarr Dämon mit Schlange Hund

1. Fabelwesen (Hybride)  

Figur eines Sphinx-Drachens an einem nördlichen Strebepfeiler

Dass nur zwei Hybride an der Stephanskirche in Calbe angebracht wurden, liegt wohl am beginnenden Zeitalter der Renaissance und dem zu Ende gehenden Mittelalter. Im 13. Jahrhundert waren diese grotesken Mischwesen an den Kirchenbauten noch in der Mehrzahl gewesen. Das Mittelalter sah in Fabelwesen ebenso reale Schöpfungen Gottes wie die sichtbaren Tiere (vgl. Wunderlich, Dämonen…, a. a. O., S. 13 u. 16.). Erst am Ende des Mittelalters wich als Ergebnis einer neuen Sicht auf Gott, seine Schöpfung und den Menschen die Furcht vor Drachen und anderen Fabelwesen allmählich. Zumindest die künstlerischen Planer des Äußeren der calbischen Hallenkirche sahen keinen Grund, ihnen in der Chimären-Galerie mehr Platz einzuräumen.

Vorlagen für die künstlerische Phantasie boten die mittelalterlichen „Bestiarien“, Bücher, in denen Fabelwesen und zum Teil abenteuerlich gemalte exotische wilde Tiere abgebildet waren. Die Bestarien gingen auf den „Physiologus“ des 2. Jahrhunderts zurück.

Auf der Nordseite ist ein Sphinx-Drache mit Löwinnenkopf und -beinen, gefletschten Zähnen, Drachenflügeln und menschlichen Brüsten zu sehen (s. Abb. links). Im Unterschied zu anderen Sphingen hat diese keinen Frauenkopf; das einzig Menschliche ist der Oberkörper. Ein Mischwesen aus Frau und Monster könnte auf eine Sexualitätsfeindlichkeit und die Abwehr der Todsünde „Wollust“ hinweisen.
Auf der Südseite hockt ein pegasusähnlicher Drache mit Papageien-Schnabel, Vogelschwingen und Pfoten. Zwischen seinen Vorderpfoten hält er eine Schlange, die sich seinem Griff zu entwinden versucht. Seit der biblischen Legende vom Sündenfall gilt die Schlange als Symbol der Verführung und Versuchung durch teuflische Kräfte. So lautet wohl auch die Schutzaufgabe dieser Doppelchimäre: „Und führe uns nicht in Versuchung!“

2. Tiere
Die an der Trauflinie der St.-Stephani-Kirche in Calbe dargestellten Tiere hatten in der Zeit ihrer künstlerischen Erschaffung  ein sehr negatives Ansehen: auf der Südseite sind ein Wolf und ein Hund zu sehen, auf der Nordseite ein Raubtierkopf, in dessen geöffnetem Maul man noch das Bein eines Opfers erblickt, sowie ein Tier mit Raubtiertatzen, dessen Kopf abgefallen ist.

Die Tiere, die im vorchristlichen Glauben, u. a. auch bei  den Germanen, eine göttliche Rolle gespielt hatten, wurden im Mittelalter durch die christliche Kirche abgewertet und oft verteufelt. Mit der Ächtung des Animalismus wurden auch die verehrten Objekte desselben verdammt. Hase, Fuchs, Wolf, Hund u. a. wurden nun zu „unreinen Tieren“ erklärt und ihnen dämonisch-teuflische Eigenschaften zugeschrieben.

Der Wolf, der in der „Wächter“-Reihe der Stephanskirche gleich zweimal auftaucht, war ein besonders verhasstes Tier. Ausgehend von einigen Bibelstellen wurde er mit dem Teufel, dem Inbegriff alles Bösen, gleichgesetzt. In den Volksmärchen - im 19. Jahrhundert von den Brüdern Grimm aufgeschrieben - erkennt man noch die besonders schlimme Rolle des „bösen Wolfes“ in der von der Kirche beeinflussten Volksmythologie.

Auf der Südseite unserer Stephanskirche setzt er mit gefletschten Zähnen gerade zum Sprung an, auf der Nordseite ist nur der vordere Teil des Tieres bis zur Schulter zu sehen. Im Maul wird noch das Bein eines Opfers, das er gerade gerissen hat, sichtbar. Die Aufgabe dieser gefährlich wirkenden Wächter-Figuren mit „Spiegel“-Funktion für negative Kräfte lauteten sicherlich: „Bewahre uns vor dem Bösen!“ Vielleicht stellte auch eine weitere Tier-Gestalt (ohne Hinterbeine) auf der Nordseite, deren Kopf irgendwann abgefallen und verschwunden ist, einen Wolfsteufel dar, seine Pfoten und sein Fell auf dem Rücken deuten jedenfalls darauf hin.

Hund an der Südostecke

Der vom Wolf abstammende Hund hatte im Mittelalter eine ambivalente Bedeutung: Einerseits wurde er als aufmerksamer Begleiter bei der Jagd und als treuer Wächter des Hauses geschätzt, andererseits war er von der mittelalterlichen Kirche auch zum unreinen Tier erklärt worden. Bis heute hat sich diese Negativbedeutung erhalten, wenn man nur an den Aussagewert entsprechender Schimpfwörter denkt. Aber auch das Bild des gedemütigten, geprügelten Hundes steht uns sprichwörtlich vor Augen. Im Mittelalter bezeichneten die Deutschen u. a. die Slawen als Hunde (vgl.: Samo, in: Wikipedia, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Samo, Datum des Zugriffs: 11.8.2006). In der mittelalterlichen Kirchen-Symbolik stand der Hund für Neid und Zorn (vgl. Die Klosterkirche in Enkenbach, URL: http://www.enkenbach-alsenborn.de/historie/e_kath.html, Datum des Zugriffs: 11.8.2006). Wie eng er im Volksglauben mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde, zeigte Goethe im „Faust“.

Wahrscheinlich hatte der südöstliche Hund-Wächter direkt am Chorraum, dem heiligsten Ort in der Kirche, auch diese Doppelfunktion, einerseits als Beschützer des Hauses, andererseits als Negativ-Chimäre und Abwehrer von Neid und Zorn (s. Abb.).

Vielen Chimären und Wasserspeiern wohnten solche Mehrdeutigkeiten inne, die es uns mit ihrer mehrfach verschlüsselten Symbolik heute so schwer machen, ihre Aussagen zu verstehen. Eindeutiges war an heiligen Orten verpönt. Verschlüsseltes und dem einfachen Verstand nicht so leicht Zugängliches galt im Mittelalter als dem Göttlichen angenähert.

3. Menschen

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Menschendarstellungen, meist in karikierender Form, den breitesten Raum in der Chimären-Wächter-Reihe an der St.-Stephani-Kirche einnehmen (8 von 14 = 57 Prozent). Vier der Menschengestalten finden wir auf der Nord-, vier auf der Südseite.

Die menschlichen Figuren lassen sich in vier Gruppen einteilen: die Nackten (2), die Gutgekleideten (2), die christlichen Ordensleute (3) und einen Juden.

Die Nackten

Nackter Modenarr an der Südseite

Einer der beiden nackten Männer an der Südseite, der schulterlanges, strähniges Haar trägt, spielt in hockender Stellung mit angezogenen Beinen auf einem Dudelsack.

Das Dudelsackspielen war im Mittelalter besonders in den unteren Volksschichten mit der populären Bordunmusik (Musik mit ausgehaltenem Hintergrundton) sehr beliebt geworden. Knechte, Mägde, Bauern und Handwerker tanzten in den Schänken vergnügt und ausgelassen zum Klang der Sackpfeifen.

Sicherlich sollte diese Figur vor Ausgelassenheit und Vergnügungssucht, die in die Nacktheit (Armut) führt, bewahren.

Ein anderer nackter Mann hockt ebenfalls mit angezogenen, verschränkten Beinen, um die er die Arme geschlungen hat, und in die Ferne gerichtetem Blick in luftiger Höhe auf seinem Pfeiler (s. Abb. links). Womöglich soll er das Laster der Trägheit und des Stumpfsinns abwehren. Auffällig ist, dass der Nackte (für die damalige Zeit) „hochmodische“ Schnabelschuhe trägt, deren Tragen von der Kirche vehement als Modetorheit verurteilt wurde. Aber an ihm ist noch eine weitere modische Besonderheit zu entdecken: Er trägt einen Mittelscheitel und große Schmachtlocken, ein Hinweis auf die „Verweiblichung“ der Männermode in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (s. unten).

Rocke interpretierte diesen Nackten als „heidnischen Wilden“ (vgl. Rocke, a. a. O., S. 85), was jedoch nicht ganz einleuchtend erscheint.

Die Gut-Betuchten

Dickwanst an der Südseite

Die zwei gut gekleideten Figuren entsprechen auch dem modischen Geschmack der Zeit. Auffällig sind an ihnen die eng anliegenden „Schecken“ (abgeleitet vom franz. „jaquet“, daraus unser „Jackett“) mit den großen Knöpfen. Die Vorläufer  der heutigen „Jacken“ wurden als letzter Schrei aus Frankreich so hauteng getragen, dass man sie nicht mehr über den Kopf ziehen konnte und deshalb vorn knöpfen musste (vgl. Reine des Centfeuilles, URL: http://www.mauritia.de/de/mittelalter/index.html u. http://www.mauritia.de/de/renaissance/index.html, Datum des Zugriffs: 10.8.2006; Mode des Mittelalters, URL: http://www.taraland.de/mode.htm, Datum des Zugriffs: 10.8.2006). Auch die dazu passenden eng anliegenden Männer-Beinlinge (ähnlich den heutigen Strumpfhosen) sind bei den beiden Gestalten angedeutet.

In der auf Freiheit und Individualität orientierten Renaissance näherte sich die Männermode, auch die Haartracht, tatsächlich stark der Frauenmode an. Die Männer trugen die Haare phantasievoll gelockt und betonten ihre Körperformen. Diese „Verweiblichung“ war allen Hütern von „Moral und Sitte“ ein Dorn im Auge.

Der Hinterhältige an der Nordwestecke

Der Gutbetuchte auf der Südseite trägt einen modisch üppigen Haarschopf und hält mit den Händen seinen beachtlichen Kugelbach fest (s. Abb. rechts). Es liegt zunächst auf der Hand, dass diese Figur zur Abwehr des Völlerei- und Maßlosigkeits-Lasters gedacht war. Sollte aber der Verweiblichung der Männer entgegen gewirkt werden, dann wäre sogar eine drastische Satire mittels Darstellung einer Männer-„Schwangerschaft“ denkbar, wie sie K. Herrfurth für möglich gehalten hat (vgl. Herrfurth, Die Wasserspeier…, a. a. O.).

An der Nordwest-Ecke blickt auch so ein modisch gekleideter Herr in die Ferne. Seine Schecke ist reicher verziert als die des Dickbäuchigen auf der Südseite. Auch seine Haarfrisur ist die eines Mode-Gecken jener Zeit, mit Mittelscheitel und großen Locken. Seine Gestik ist allerdings kaum verständlich.

Er hält sich die rechte, in der Mitte gespreizte Hand vor den Mund, die linke greift nach hinten an die Jacke und den Pfeiler, fast an das Gesäß. Ob der Mann auf diese Art und Weise durch seine gespreizte Hand pfeift, wie es K. Herrfurth vermutet (vgl. Herrfurth, ebenda), ist recht fraglich. Es ist eher möglich, dass dieser Dandy das Spiegelbild eines verwerflichen Menschen darstellte, der hinter vorgehaltener Hand falsche Gerüchte über andere verbreitete. Vielleicht aber diente die Skulptur zur Abwehr der Todsünde des Neides oder des Hochmutes und der Eitelkeit. Es gäbe noch einige andere Deutungsmöglichkeiten, die hier nicht auch noch unterbreitet werden sollen. Auf alle Fälle gehört diese Figur an der calbischen Stadtkirche zu denjenigen, die viele Auslegungen zulassen. Möglicherweise sollten sich ja gleich mehrere böse Geister „angesprochen“ fühlen.

Die Diener der Kirche

Nonnenähnliche Figur von Ost und von West aus betrachtet Kölner Begine (Holzschnitt um 1500)

An der Nordostecke treffen wir auf eine sehr interessante Figur. Sie stellt eine Frau – die einzige in dieser „Galerie“ – dar. Sie trägt, von der Ostseite aus betrachtet, die Gagel (Kaputze) einer Nonne. Schaut man sie aber von der anderen Seite an, trägt sie am Rücken einen Schleier. Die Schleier-Haube könnte auf die Beginen hinweisen, die in Blickrichtung der Skulptur im nahe gelegenen Hospital zum „Heiligen Geist“ einige Zeit gewirkt hatten. Die doppelte Sichtweise war sicherlich ein gewollter Effekt, denn die Beginen waren keine „echten“ Ordensfrauen, sondern Bürgerinnen und Adlige, später auch Bäuerinnen, die in demokratischen Organisationsformen in einer von ihnen selbst bestimmten Zeitspanne ein nonnenähnliches Leben führten. Wahrscheinlich sollte mit der Figur auf diese „Zwitterstellung“ der Beginen hingewiesen werden? Auch ein weiteres Detail spricht für die These, dass hier eine Begine dargestellt werden sollte: Unter dem mit Borten verzierten Jäckchen wird, wenn es sich nicht um den Kragen einer Bluse handelt, der Busenansatz und ein Mieder sichtbar. Bilder aus der Zeit zeigen manche Beginen in einer ganz ähnlichen Kleidung. Diese Frau an der Stadtkirche aber betet nicht wie die beiden Brüder-Figuren. Sie schlingt ihre Arme um Leib und Brust, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Ist sie schwanger? Karikaturen jener Zeit unterstellten den nicht in das konventionelle Frauenbild passenden Beginen oft unsittlichen Lebenswandel.

Schwangere Begine

(Kupferstich "Begine und Mönch" von Israel van Beckenem Ende des 15. Jahrhunderts)

Beginen waren wegen ihrer in jener Zeit für Frauen „untypischen“ Verhaltensweisen und Ansichten trotz ihres sozialen Engagements immer wieder Zielscheiben für Spott und Hass. Im 14. Jahrhundert wurden sie nicht nur aus den Städten verdrängt, sondern der (ja männliche) hohe Klerus erklärte sie außerdem noch der Häresie verdächtig, was zu Verfolgungen und Verbrennungen führte. Die Bewegung wurde verboten. In Sondererlässen gestattete man den Beginen schließlich, unter den Schutz von Orden zu treten, wodurch einige von ihnen zu Franziskanerinnen und Dominikanerinnen wurden. Das aber war das Ende ihrer demokratischen Freiheiten.
Spielte die oben erwähnte Doppelsichtigkeit etwa auch auf die Bulle des Papstes Nikolaus V. von 1453 an, die die Reste der noch bestehenden Beginen-Konvente in die etablierte Kirche aufnahm? Deshalb die Nonne, die eine Begine ist bzw. umgekehrt?
Dieses Bildnis an der Stephanskirche Calbe als Schaden abweisende Figur könnte zeigen, wie sehr die Beginen als Frauen, die aus ihrer festgelegten sozialen Rolle ausbrechen wollten, verhasst waren. Die Wächter-Aufgabe der Skulptur lautete dann wohl: „Der Himmel beschütze uns vor solchen entarteten und heuchlerischen Weibern!“
Diagonal gegenüber der Nonne/Begine treffen wir an der Südwestecke auf eine stark beschädigte Figur ohne Kopf, die betet und an deren Schultern eine Gagel sichtbar wird. Nach Rocke stellt sie einen Mönch dar (vgl. Rocke, a. a. O., S. 85).

Auf der von Dämonen am meisten bedrohten Nordseite sehen wir in der Mitte einen betenden Laienbruder, erkenntlich an Habit, Gagel und Bart (s. Abb.). Laienbrüder (Konversen) wurden im Volksmund auch die „Bärtigen“ genannt; Mönche (Kleriker) waren glatt rasiert. Wahrscheinlich wurde hier ein Bruder der in Calbe durch Termineien ansässigen Bettelorden dargestellt. Nicht weit von der Figur entfernt lag am Alten Markt das größte Hospital, das die Dominikaner betrieben. Hospitäler waren damals Herbergen und Krankenhäuser für die Scharen von Pilgern, Bettlern und Kranken.

Bartweiser auf der Nordseite

Die Laienbruder-Skulptur hatte einen besonderen Schutz auszuüben. Mit der im Mittelalter bekannten Geste des „Bartweisens“, der nach vorn gereckten Bartspitze, sollte das Böse abgewehrt werden (vgl. Schymiczek, a. a. O., S. 94 f.). Am Kölner Dom befinden sich gleich zwei solcher „Bartweiser“.

Es ist in der Kirchenarchitektur-Geschichte recht selten, dass Vertreter der Kirche bzw. fromme Frauen in eine Reihe mit Drachen, Bestien, Modenarren und anderen Karikaturen gestellt wurden. Das aber lässt sich nur mit der Entstehungszeit der spätgotischen Hallenkirche erklären, bei deren Ausgestaltung sich mit der neuen Denkweise der Renaissance und des Humanismus bereits die lutherische Reformation ankündigte.

Zwar unterstand die St.-Stephani-Kirche immer noch dem Patronat des nahe gelegenen Stiftes „Gottes Gnade“, aber dessen Zenit war lange überschritten. Moralische Zerfallserscheinungen und Nachwuchssorgen waren Probleme nicht nur für die Prämonstratenser geworden. Bürger von Calbe wollten sich in stadtinterne Angelegenheiten vom Propst nicht mehr hinein regieren lassen. Sogar Bauern aus Schwarz pochten auf ihre Rechte und lagen mit der Stiftsleitung in „Fehde und Zwytracht“ (s. Station 12). Vielleicht drückten die wenigen noch im einst stolzen, und nun verfallenden Stiftskloster verbliebenen Brüder auch ein Auge zu, weil ja offensichtlich andere, zu den Prämonstratensern kontrovers stehende Ordens- und Semiordensleute gemeint waren.

Der Jude und die „Judensau“

Jude auf der Nordseite

Gleich neben der Nonne/Begine findet man auf der Nordseite eine abstoßende Figurengruppe: Ein Jude küsst einer Sau die hinteren Körperöffnungen (s. Abb. links).
Das beinhaltet eine mehrfache Unverschämtheit, denn der Verzehr von Schweinefleisch ist Juden laut Thora verboten, und Intimitäten zwischen Mensch und Tier (Zoophilie) gelten in der Bibel als besonders schwere Perversion und todeswürdiges Vergehen. Außer in Calbe gibt es noch in 27 anderen mitteleuropäischen Städten solche entwürdigenden Darstellungen, meist an Kirchen, in unserer Nähe in Wittenberg und Magdeburg. Judentum und Juden sollten als verderbt, schmutzig und pervers gebrandmarkt und den jüdischen Einwohnern das Selbstwertgefühl genommen werden.
Die Aufgabe dieser Doppel-Wächterfigur war wohl, die Gläubigen vor Perversionen zu schützen und Juden von der Stadt fernzuhalten.
Wie war es zu einer solchen rabiaten Entgleisung gekommen?
Noch im 14. Jahrhundert, besonders während der Zeit der großen wirtschaftlichen Prosperität in Calbe, waren Juden geachtete Bürger in Calbe. Wahrscheinlich unter dem Einfluss einschneidender klimatischer Veränderungen am Ausgang des Mittelalters und der verheerenden Pest-Pandemien änderte sich die Einstellung der christlichen Bevölkerung zu den Juden, die als Minderheit die Sündenbock-Funktion übernehmen mussten. Pogrome mehrten sich.
Als es Anfang der 1490-er Jahre in Magdeburg zu Übergriffen mit tödlichem Ausgang gegen Juden kam, die von Franziskanern provoziert worden waren, und die jüdischen Bürger sich hilfesuchend an ihren Schutzherren, den Erzbischof Ernst II. von Sachsen-Wettin (Reg. 1476-1513), wandten, ordnete dieser stattdessen die Vertreibung der etwa 200 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde aus dem Erzbistum Magdeburg an, die 1493 vor sich ging. Was die Juden nicht rechtzeitig verkaufen konnten, besonders Häuser und Grundstücke, mussten sie zurücklassen und fiel an den Erzbischof. In Calbe verkaufte Ernst II. 1512 die ehemalige jüdische Schule an einen Bürger, die dieser zu einem Privathaus umbaute.
Die abstoßend wirkende Figur an der St.-Stephani-Kirche war Teil der im 15. und 16. Jahrhundert forciert betriebenen antijudaistischen christlichen Propaganda.
 

 

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lehnten sich immer mehr Menschen gegen Geldgier und Ausbeutungs-Praktiken der römisch-katholischen Kirche auf. Um 1500 waren auch die hörigen Bauern des  Dorfes Schwarz, die dem Stift "Gottes Gnade" gehörten, keine tumben Untertanen mehr. Sie verhielten sich aufsässig und feindlich gegenüber der ausbeuterischen Stiftsleitung, was zu "Vehde und Zwytracht" führte (vgl. Leuckfeld, Antiquitates..., a. a. O., S. 107 ff.).

1475 war zwischen dem Rat der Stadt Calbe und dem Stiftskloster ein Streit um die Einsetzung des Schulmeisters (Leiters der städtischen Schule) ausgebrochen. Meist waren Stadtschullehrer Theologen am Anfang ihrer Laufbahn. Nach den alten mittelalterlichen Abhängigkeitsverhältnissen gehörte die Schule zur Parochie (Pfarrbezirk) der Stephanskirche, und diese wiederum war dem Stift inkorporiert. Folglich bestimmte der Propst, wer Schulmeister wurde. Die Bürger der Stadt aber forderten nun im ausgehenden 15. Jahrhundert die Besetzungshoheit für sich ein. Der Streit endete mit einem bemerkenswerten Kompromiss, den der Erzbischof entschied: Der Rat der Stadt durfte sich seinen Schulmeister selbst auswählen, der dann durch den Propst bestätigt werden musste. Bei Nichtübereinstimmung entschied der Erzbischof (vgl. Reccius, a. a. O., S. 29 f.). Dieser Streit und sein Ausgang stellten einen kleinen Schritt auf dem Weg zur kommunalen Unabhängigkeit von klerikal-feudaler Bevormundung dar.

1496 kam es zu einem politischen Umsturz in Calbe: Der alte langjährige Rat der Stadt wurde gestürzt und ein neuer, wahrscheinlich auch den städtischen Unterschichten genehmerer, eingesetzt. Der alte Rat hatte in seine Taschen gewirtschaftet, weshalb auch einige Mitglieder in Haft genommen wurden. Reformation und politische Umstrukturierung waren nicht mehr fern.

Die Träger des Kranzes am westlichen Südportal: links ein Drache, rechts eine Eule, Symbol der Weisheit (vgl. Rocke, a. a. O., S. 86)

 

Westliches Südportal
Bekränzung des östlichen Südportals (Wrangelkapelle)

Während die 2 Portale an der Nordseite des Langhauses schmucklos sind, wurden die beiden Südportale mit mehrfachen Stäben (Rahmen) im Gewände, mit Krappen-Bekränzungen und Figuren verziert. Von den "symbolischen Menschen- und Tiergestalten", die den Krappenkranz tragen und der krönenden Kreuzblume (vgl. Teitge, a. a. O., S. 16) sind durch die besonders im Industriezeitalter wirkenden zerstörerischen Gase nur noch kaum erkennbare Rudimente übrig geblieben (s. Abb. rechts).

Das östliche Portal auf der Südseite ist  durch die von der Ritterfamilie v. Hacke gestiftete Kapelle, später Wrangelkapelle genannt, verdeckt worden. Auch hier hatten die Steinmetze ausdrucksstarke Verzierungen am Portal angebracht, die allerdings dem Außen-Betrachter durch den Anbau der Kapelle verborgen bleiben.

Dadurch war ein gewisser Schutz der Gewände-Ornamente und Figuren gegeben. Allerdings ist seit einem halben Jahrtausend auch hier so viel abgebröckelt, dass der Betrachter viel Phantasie braucht (s. Abb. unten Mitte). Vor 140 Jahren konnte man die Darstellungen noch gut erkennen, so dass sie uns der Ortshistoriker Pfarrer Rocke überliefern konnte.

Auf der linken Seite des verdeckten Portals war (- und ist heute nur noch undeutlich -) ein gefesselter Mensch zu sehen, der auf dem Teufel reitet, über ihm andere menschliche Figuren, auch eine betende Nonne. Auf der rechten Seite kann man den Teufel, der auf einem Menschen reitet (vgl. Rocke, a. a. O., S. 86), entdecken. Die Botschaft ist eindeutig:

Figuren am Gewände des östlichen Südportals
Links: Der Mensch reitet den Teufel Rechts: Der Teufel reitet den Menschen

Wenn der Mensch sich mit dem Teufel einlässt, hat dieser ihn früher oder später in seiner Gewalt. Hier trifft man auf eine bildhafte Umsetzung der im späten Mittelalter bekannten und auch als Volksbuch literarisch verarbeiteten Faust-Sage.

Erker an der St.-Stephani-Kirche um 1640 in einem 1653 herausgegebenen Stich von Matthäus Merian

Zwerchdächer (Modell)

 

Die Dreischiffigkeit des Langhauses machten die Baumeister auch nach außen sichtbar: Die Seitenschiffe hatten Zwerchdächer, und die 6 Fenster auf jeder Langhausseite hätten  auch nach oben durch 6 Giebel abgeschlossen werden müssen. Auf dem Stich von Matthäus Merian (s. Abb. links) sind jedoch nur vier zu erkennen. War das auf eine Ungenauigkeit beim schnellen Zeichnen zurückzuführen, oder befanden sich tatsächlich nur vier Erker an jeder Dachseite? Durch die Dachkonstruktion mit Zwerchdächern war der First bedeutend niedriger als bei dem heutigen spitzen Satteldach und fast so hoch wie das Dach des Altarraumes (vgl. Wickel/Thinius, a. a. O., S. 265). Die Erker erweckten von außen mehr  einen bürgerlich-profanen als sakralen Eindruck (s. Abb. links).

 

 

1.3 Architektur und Ausstattung des Altarraumes

Wie schon erwähnt, ist der auch als Hochaltar-Raum oder Chor bezeichnete Altarraum aus älteren Vorgängerbauten hervorgegangen (s. oben). Hier stand ursprünglich zu beiden Seiten des Altars das Chorgestühl für die Geistlichen. Entsprechend der Herkunftszeit waren die Fenster des Chorraumes auch frühgotisch schmal und schmucklos. An der Nord- und Südseite befinden sich je 6 Fenster, an der Ostseite 3, wobei nur das mittlere, etwas breitere mit einfachem Maßwerk verziert ist. Möglicherweise waren einige dieser Chorfenster schon mit bunten Glasmalereien versehen.

Das eventuell aus der Renaissance stammende Kruzifix steht seit 1866 auf dem Altar, dahinter: neue Buntglas-Fenster von 2003

Der Altar-Tisch bestand aus einer starken, steinernen Deckplatte, in deren Mitte eine Grube von etwa 32 x 32cm eingelassen war. In diese Vertiefung hatte man eine Sandsteinfliese eingepasst, welche einen tragbaren Altar darstellte, der bei Prozessionen mit darauf gestellten heiligen Gefäßen voran getragen wurde. Der große und der kleine Altar waren geweiht. Unter dem tragbaren Altar befand sich ein rundes Loch, in dem Reliquien aufbewahrt wurden. Auch im tragbaren Altar war ein Loch mit einer kleinen Reliquie (Finger u. ä.). Der portable Altar ist bei den Säuberungsaktionen während der Reformation verschwunden, jetzt befindet sich in der Vertiefung eine einfache Sandsteinabdeckung (vgl. Rocke, a. a. O., S. 94).

Auf dem Altar stand ein Renaissance-Aufsatz mit den Figuren der Apostel und Heiligen, von dem aber nichts mehr erhalten ist (vgl. ebenda, S. 95).

Das jetzt noch erhaltene Kruzifix könnte auch aus dieser Zeit stammen (s. Abb. links). Das "Bildniß des gecreuzigten Heylandes in Lebens=Grösse ist zwischen der Scheidung der Kirchen und Chors, da das Gewölbe geschlossen ist, aus Holtz gemacht, und Fleisch=färbig angestrichen, in kläglicher Gestalt in der Dornen Krohn hängend zu sehen, durch dessen Anschauung und Betrachtung, weil es einer Leichen sehr ähnlich, man sich den Zustand des am Creutz hangenden und leydenden Heylandes wohl fürstellen kan." (Hävecker, a. a. O., S. 44.) Nach dieser Beschreibung stand das Kruzifix gleichsam als Triumphkreuz (crux triumphalis), wie man es im Mittelalter mehrfach antreffen konnte, im Bogen zwischen Schiff und Chor.

Neben dem Chorraum, da, wo sich jetzt Winterkirche und Sakristei befinden, waren die Altäre der Heiligen Anna und des Heiligen Petrus untergebracht, die schon benutzt wurden, als die gesamte Hallenkirche noch nicht fertig gestellt war (s. oben).

 

 

1.4 Architektur und Ausstattung des südöstlichen Kapellen-Vorbaus (später Wrangelkapelle genannt)

Ha(c)ke-Zeichen an der Westseite der Kapelle

Ha(c)ke-Zeichen an der Ostseite der Kapelle

Der kapellenartige Anbau vor der östlichen Südpforte (s. Abb. unten) war ursprünglich sicherlich als repräsentative Familien-Andachtskapelle errichtet worden. Der erzbischöfliche Schlosshauptmann Simon Ha(c)ke war der Stifter dieser Kapelle. Die Hackes trugen in ihrem Wappen symbolisch einen Haken, und dieses Zeichen ist noch deutlich an den Ecken der Traufsteine neben den Dachrinnen zu sehen (s. Abb. rechts). Der Schlussstein des Kapellen-Gewölbes gibt die Jahreszahl 1495 an. Die Giebelseite der Kapelle ist in einer reizvollen Form mit gebrannten Ziegeln (Backsteinen) verziert. Dabei handelt es sich, soweit dem Verfasser bekannt ist, um die am weitesten südlich anzutreffende Repräsentation spätmittelalterlicher norddeutscher Backsteingotik. Wie das Langhaus hat auch die Kapelle an den Ecken zwei im Winkel von 45 Grad abgespreizte Stützpfeiler, die oben in je einen Fialturm mit Krappenverzierung auslaufen. Am Dachgiebel ragen 9 Tabernakeltürmchen auf, die entfernt an einen bürgerlichen Gotik-Stufengiebel erinnern.

Kapelle vor dem östlichen Südportal, später Wrangelkapelle genannt

Die aus dem Arabischen übernommenen Ziffern in Europa im 15. Jahrhundert (aus: Geschichtliche Entwicklung des Zählens). Deshalb ist die Zahl (wie auf dem Schlussstein im Innern) als 1495 zu lesen.

Backsteinverzierte Giebelseite der Kapelle

Altes Sandsteinkruzifix und Sonnenuhr

Über dem Backstein-Türgewände befinden sich in einer Umrahmung 6 gotische Arkaden mit Formstein-Maßwerk, darüber in zwei Etagen spitzbogige Rahmen mit je 3 Fenstern, flankiert unten von 2 kleineren Rundbögen-Nischen, oben von einer linken Nische. Da die Fenster an der West- und Nordseite der Kapelle mehrmals um- und verbaut wurden, ist der ursprüngliche Zustand kaum zu erahnen. Über der Tür mit den 6 Arkaden ist das Wappen des damals regierenden Magdeburger Erzbischofs  Ernst von Sachsen-Wettin (Reg. 1476-1513) und der Zahl 1495 (s. Abb. oben) angebracht (zu seiner Judenvertreibung vgl. oben „Chimäre Jude“ und Station 4), etwas weiter rechts ist eine schräg gestellte leere Wappenkartusche zu sehen. Über den unteren drei Fenstern befinden sich eine Sonnenuhr und darüber das oben schon erwähnte sehr alte Sandstein-Kruzifix.

Es ist möglich, dass man mit der Kapelle einen Andachtsraum für die Gläubigen - ähnlich dem Paradies-Vorbau am Magdeburger Dom - schaffen wollte, der auch verfügbar war, wenn die Pforten zum Innern der Kirche verschlossen waren. Bald jedoch wird die Kapelle als Leichenhalle genutzt worden sein, denn in der Literatur findet man diesen Bestimmungszweck als den ersten angegeben. Wenn die Kapelle von Anfang an als Leichenhalle fungiert hat, dann wäre damals auch schon ein Anbau östlich daneben für die Totengräberwohnung mit einem Beobachtungs-Fenster vorhanden gewesen.

Ob die Aufsehen erregende Marienfigur, die später wiederholt erwähnt wurde, von Anfang an in der Kapelle hing, ist ebenfalls sehr ungewiss. Es handelte sich dabei um die Darstellung Marias mit dem Jesuskind, die auf der Vorder- und Rückseite kongruent vorhanden waren. So blickten Mutter und Kind, über den Köpfen an der Kapellendecke hängend, sowohl die aus der Kirche Kommenden als auch die Eintretenden jeweils von vorn an (vgl. Rocke, a. a. O., S. 88).

 

2. Die Kirche nach 1542 (Protestantische Zeit in Renaissance und Frühbarock)

Renaissance (mit Manierismus): ca. 1450 bis ca. 1600

Barock (mit Rokoko): ca. 1600 bis ca. 1800

Vorgeschichte der Reformation in Calbe

Calbe war von Anbeginn der reformatorischen Bewegung ein Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der römisch-katholischen Papstkirche und den Kräften der nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen und Kirchenreformation. Schon am Ende des 15. Jahrhunderts zeigten sich hörige Bauern des Stiftsklosters renitent und lagen wegen der ihnen zustehenden Rechte mit den Stiftsherren in "Fehde und Zwietracht" (s. oben). Das Kloster hatte kaum noch Insassen und große Nachwuchssorgen.
Auch die Bürger der Stadt strebten in ihrer Kommune nach mehr Mitbestimmung. 1496 wurde der alte Rat - zum Teil wegen Korruption und Bereicherung - abgesetzt und ein neuer sowie ein Kollegium der "Sechsmänner" eingesetzt, das die Interessen der breiten Kleinbürgerschicht vertrat (vgl. Reccius, a. a. O., S. 31).
Die Ereignisse der Reformation selbst hingen mit dem damals mächtigsten Reichsfürsten, Erzbischof Albrecht IV., und seinem Widersacher Martin Luther zusammen, wobei nicht nur Magdeburg, Wittenberg und Worms, sondern auch Calbe als Schauplätze eine Rolle spielten.
 

Albrecht IV. Martin Luther

Der Markgraf von Brandenburg, Albrecht II., war mit 23 Jahren Erzbischof von Magdeburg und ein Jahr später, kurz nachdem er die Priesterweihe erhalten hatte, Erzbischof von Mainz und damit Kurfürst geworden. Nun trug er den Namen Albrecht IV. Das genügte dem nach dem Kaiser mächtigsten Mann im Reich jedoch nicht. 1518 musste er auch noch Kardinal werden. Natürlich gab es solche Ämter und das dazu gehörige Leben als Renaissance-Fürst nicht umsonst. Albrecht lieh sich dafür 30 000 Gulden bei dem Verlags- und Bankunternehmer Jacob Fugger, heute eine Milliardensumme, die er durch Forcierung des päpstlichen Ablasshandels, an dem er gewinnbeteiligt war, und durch erhöhte Steuern wieder einzutreiben begann. Das Ablassunwesen des von ihm engagierten Dominikanermönchs Johannes Tetzel führte schließlich zu den in 95 Thesen zusammengefassten Gewissensbissen des Augustinermönchs Dr. Martin Luther. Der Wittenberger Universitätsprofessor schickte am 31. Oktober 1517 seine Thesen zuerst an seinen unmittelbaren Vorgesetzten, Erzbischof Albrecht, ins Schloss nach Calbe, wo sich der Fürst wegen der Magdeburger Unruhen nun häufiger aufhielt, und bat diesen in untertänigem Ton, nicht den Ablass, sondern das Evangelium predigen zu lassen. Der Brief wurde am 16. November im Schloss Calbe von den erzbischöflichen Räten geöffnet, weil Albrecht zu diesem Zeitpunkt gerade in Mainz weilte. Albrecht ließ Luther für diesen Brief eine Rüge von seinem Statthalter, Graf Botho von Stolberg, erteilen.. Nachdem der Reformator durch die Verbrennung der päpstlichen Bulle den endgültigen Bruch mit Rom vollzogen hatte, schrieb er noch einmal am 4. Februar 1520 an den wichtigsten Vertreter der katholischen Partei im Reich und bat ihn als verständigem und gütigem Herrscher inständig und in sehr gemäßigtem Ton, von den Argumenten des Evangeliums auszugehen und nicht von denen der Verleumder. Diesmal erreichte der Brief Albrecht im Schloss Calbe. Von dort aus antwortete er auch auf den zweiten Brief Luthers sehr bösartig, dass selbst der sonst nicht zimperliche Luther empört war (vgl. Rocke,  a. a. O., S. 44f. und Hävecker, a. a. O., S. 14f.).

Übrigens ist das schöne Bild von dem berühmten Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirchen-Tür sehr wahrscheinlich eine Legende, die nach Luthers Tod von Philipp Melanchthon in die Welt gesetzt wurde. Weder Martin Luther selbst noch andere Zeitgenossen haben jemals behauptet, dass Luther die Thesen an die besagte Kirche angeschlagen habe, noch existieren schriftliche Aufzeichnungen darüber (vgl. Iserloh, Erwin,  Der Thesenanschlag fand nicht statt, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Bd. 16, 1965, S. 675; Prause, Gerhard, Luthers Thesenanschlag ist eine Legende. In: Niemand hat Kolumbus ausgelacht - Fälschungen und Lügen der Geschichte richtig gestellt, Düsseldorf 1966, S. 75 ff.; Ritter, Gerhard, Luther - Gestalt und Tat, Frankfurt am Main 1985; Krämer, Walter/Trenkler, Götz, Lexikon der populären Irrtümer, Frankfurt am Main 1996, S. 209 f.). Vielmehr hielt Luther als Gegner jeglicher Volks-Aufwiegelei den Dienstweg ein, und so gebührt Calbe die Ehre, dass der eigentliche Stein des Reformations-Anstoßes als Thesen-Brief im hiesigen Schloss ins Rollen kam.
Nachdem sich Magdeburg zu einer Hochburg der protestantischen Bewegung entwickelt hatte und sich Kleriker ebenso wie Bürger sogar im Magdeburger Dom zu Luther bekannten, wurde es für Albrecht immer brenzliger. Als auf Befehl des unbeliebten Erzbischofs Verteiler von lutherischen Flugschriften verhaftet worden waren, wurde der Zorn der Volksmassen so bedrohlich, dass die Verhafteten wieder freigelassen werden mussten. Immer mehr Gemeinden wählten sich lutherische Pfarrer, und Albrecht bat den Papst darum, Magdeburg in den Bann zu tun. Das geschah nicht, und der Kardinal stellte in der Stadt mit Waffengewalt den Ausnahmezustand her.
Erzbischof Albrecht hatte, als er sich 1524 aus Magdeburg wegen der immer heftigeren Angriffe der Bürgerschaft und des sich nähernden Bauernheeres Thomas Müntzers nach Halle aus dem Staub machte, mit Hilfe des calbischen Amtmanns Simon Hake, des Bürgermeisters Hans Hermann und einiger anderer Ratsmitglieder eine Glocke der großen Gottesgnadener Stiftskirche demontieren und auf einem Ochsenwagen nach Halle in sein neues Stift abtransportieren lassen.
Die Lutheranhänger bemächtigten sich sofort des Stoffes und verspotteten den flüchtigen Kardinal in dem „Lied vom Glockendieb und Ochsentreiber“. Die hier zurück bleibenden bürgerlichen und ritterlichen Helfershelfer bekamen in dem Spottlied auch gehörig „ihr Fett“. Wenn einer von ihnen die Straße betrat, schallte ihm das Lied besonders laut in die Ohren, ein unerhörter Vorgang für die selbstherrlichen ritterlichen Beamten und eitlen Ratsmitglieder.
Die Calbenser waren empört über die Mitwirkung des Bürgermeisters und einiger Ratsmitglieder, wobei es wohl weniger um den Raub einer Klosterglocke als vielmehr um ein notwendig gewordenes Aufsprengen Jahrhunderte alter sozialer Strukturen ging. Im Ratskeller und in den Schenken von Calbe rief man zum Sturz des alten Rates auf. Die Anführer Lorenz Böddeker und Hans Hubold wollten die „Verräter“ sogar an den Galgen bringen. Am 18. September 1524 wurden vor der katholischen Messe der Bürgermeister sowie die Herren Georg Hermann und Hans Philipps verhaftet und inhaftiert. Mit bewaffneter Hilfe des erzbischöflichen Statthalters Graf Botho von Stolberg gelang es, die Gefangenen zu befreien. Nun wurden die Anführer des Aufstandes und andere Beteiligte gefangen gesetzt. Die gesamte Stadt wurde zu einer Strafe verurteilt, deren Maß der Kardinal bei seiner Rückkehr festlegen sollte. Das Ganze verlief jedoch im Sande, denn der Erzbischof vermied klugerweise alles, was den Volkszorn erneut anstacheln konnte. Später ließ er die Glocke aus Halle wieder nach Gottesgnaden zurückbringen (vgl. Hertel, ebenda)
.
1541 fand unter Albrechts Vorsitz im Schloss von Calbe ein sehr bedeutender ständischer Landtag statt, der als Weichensteller für die konfessionelle Zukunft unserer Region anzusehen ist. Möglicherweise gegen die Zusage, seine Schulden zu tilgen, erhielten die Menschen des Magdeburger Landes vom Erzbischof die Erlaubnis, sich zum lutherischen Glauben bekennen zu dürfen. Nun brachen alle Dämme. 1542 wurde auch Calbe offiziell evangelisch (vgl. Reccius, a. a. O., S. 35). Albrecht IV., der erste Hohenzollern-Regent des Magdeburger Territoriums, zog sich bald darauf ins katholische Mainz zurück, wo er 1545 fünfundfünfzigjährig starb.

1542 - Calbe wird evangelisch

Am Sonntag nach Fronleichnam, dem zweiten Sonntag nach Pfingsten (11. Juni 1542 nach julianischem Kalender, nach unserem gregorianischen am 21. Juni), fand in der Stadtkirche St. Stephani der erste evangelische Gottesdienst - die deutsche Messe mit Einführung des „reinen“ Evangeliums – und die Austeilung des Heiligen Abendmahls in beiderlei Gestalt statt. Am Anfang war der evangelische Gottesdienst noch in vielen Teilen an die alte Art der lateinischen Messe (Psalmen, Episteln, Gesänge u. a.) angelehnt, erst allmählich wurde er in eine neue Form gebracht.

Eine der ersten stadtpolitischen Maßnahmen unter evangelischer Schirmherrschaft war die Schließung der Hurenhäuser. 1543 wurde das auf der Breite an der Mauer gelegene „Gemeine Haus“ (Bordell) für 21 Gulden an einen Bürger verkauft. Nun mussten die Prostituierten heimlich und im Stillen ihrem Gewerbe nachgehen.

 

Die ersten selbst gewählten Pfarrer konnte man früher in der Sakristei auf einer Tafel mit folgender Inschrift lesen:

Anno 1542

am Sonntage nach Corporis Christi ist diese Kirche St. Stephani aus der päpstlichen Finsterniss zu dem hellen Lichte des heil. Evangeliums

und rechten Gebrauch des Hochwürdigen Abendmahls gebracht  und
sind von

Pastores                           

M. Conrad Hammer 1542.  

Ericus Sachse 1546.                                         

M. Leonhard Jacobi 1550, Nordhusanus.          

Vallent. Sporer 1553.                                        

Marc. Meineke 1566.                                           

M. Dionys Dragendorf 1571.                                  

Adam Crato, Nordhusanus 1581.                

Laurent. Sebaldi, Ratisbonensis 1599.     

M. Conrad Lemmer, Calbensis 1645.

Diakoni

Georg Götze 1542.

Joachim Henkel 1544.

Leonhard Jacobi 1547(-51).

Heinrich Brentius 1554.

Matthias Steinhausen, Barbyensis 1569(-89).

Johannes Cuno, Erford 1593.

Heinrich Reiffenstahl, Wernigerodan. 1599.

M. Conrad Lemmer 1629.

M. Ernst Pflugmacher 1645.

(Vgl. Hertel, a. a. O., S. 144 f., Korrekturhinweise von K. Herrfurth)


Der damalige Propst von Gottesgnaden Johann de Pusco (vgl. Station 12) stand der neuen Lehre nicht feindselig gegenüber und legte der Einführung der Reformation in Calbe, wo er das Patronatsrecht über die St.-Stephani-Kirche besaß, kein Hindernis in den Weg. Nach der Entscheidung für das Luthertum musste auch der noch lebende, aber jetzt "arbeitslose" katholische Stadtpfarrer von Calbe, der ein Stiftsherr von "Gratia Dei" war, weiterhin voll versorgt werden, während der neue evangelische Pfarrer durch die milden Gaben der Bürger seine Existenz fristen musste. Das Stiftskloster blieb immerhin noch 11 Jahre länger römisch-katholisch.

Als es keine katholischen Pfarrer mehr in Calbe gab und sich der Rat der Stadt das Patronat über die St.-Stephani-Kirche einfach angeeignet hatte - wodurch sie nun eine Stadtkirche im Wortsinne geworden war -, mussten katholische Altäre noch gepflegt und Seelenmessen nach dem alten Ritus gesungen werden, wenn es sich um einen festgelegten Zeitraum durch das testamentarische Vermächtnis von Menschen handelte, die vor der Reformation verstorben waren. Durch diesen Umstand überdauerte Balthasar Rouchs Altarschrein von 1464 (s. oben) die nach der Einführung der Reformation überall einsetzenden "Säuberungsaktionen" (Bilderstürmerei).

Wie gesagt, wurden die evangelischen Pfarrer zunächst schlecht bezahlt, und auch die Stadtkirche selbst war ärmer (vgl. Kinderling, a. a. O., S. 6) als zu Zeiten, in denen sie noch unter dem Patronat des reichen Stiftsklosters stand. Das war u. a. auf die Selbstbedienungs-Gepflogenheiten der neuen protestantischen Landesherren zurückzuführen, sich die Kirchengüter im Rahmen der Säkularisation anzueignen und die eigentlichen Träger der Reformation weitgehend leer ausgehen zu lassen. Mehrere evangelische Pfarrer, u. a. auch Werner Steinhausen aus dem benachbarten Barby, hatten in Protest-Schriften gegen diese Beraubung der Kirchengemeinden durch die evangelischen Fürsten protestiert, was ihnen Repressalien und Schikanen einbrachte (vgl. Steinhausen, Elke, a. a. O. S. 10).

Die meisten Landesherren nutzten die Reformation, um mit dem Ausbau eines landesfürstlichen Absolutismus forciert zu beginnen. Auch der Administrator des Erzstifts Magdeburg, Joachim Friedrich Markgraf von Brandenburg (Reg. 1566 - 1598), förderte nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung durch manufakturelle Einrichtungen, z. B. durch den Neuaufbau der Mühle von Calbe mit einer Erweiterung  durch Spezial-Mahl- und Sägewerke (s. Station 3), sondern auch die beamtenstaatliche Reglementierung mit dem Ziel eines wohlgeordneten Fiskus. So ordnete er die erste General-Inspektion in unserem Gebiet an, die 1585 durchgeführt wurde. Dabei kam zu Tage, dass die Ratsherren nach der Einführung der Reformation in Calbe die silbernen Kelche, Monstranzen, Hostienteller und Kruzifixe sowie das Kirchenornat aus katholischer Zeit zur Auffüllung des Stadtsäckels verkauft hatten. Der Administrator befahl, dass die Herren den Schaden aus der eigenen Tasche wieder gut machen mussten, und zwar zu Gunsten der Kirche und der Schule. Als besonders schlimm galt, dass die eigenmächtig erhöhte Biersteuer nicht an das Land abgeführt worden war. Ein Teil der beteiligten Ratsherren war verstorben, die anderen konnten die geforderte Summe nicht aufbringen, zumal sie das Geld für die verschuldete Stadt verwendet hatten, und baten um Gnade (vgl. Reccius, a. a. O., S. 39 f.) Am 3. März 1588 entschied der Erzbischof, „dass den Ratsherren in Sachen Steuerunterschlagung und Schuldenaufnahme verziehen wurde, der Kirche aber Schadenersatz geleistet werden musste; schuldige Ratsherren durften nicht wiedergewählt werden, für künftige Verstöße wurden hohe Strafen angedroht“ (Information von K. Herrfurth).

Konfessionelle Auseinandersetzungen und Kriege

Innerhalb der neuen Schicht evangelischer Geistlicher kam es schon im 16. Jahrhundert zur Herausbildung verschiedener Strömungen, die sich zum Teil heftig bekämpften. Auf der einen Seite standen die orthodoxen oder Gnesio-Lutheraner mit ihrer Ablehnung von Aktivität und dem passiven Erwarten von Gnade und auf der anderen die Philippisten oder Crypto-Calvinisten, die von der gemäßigten Lehre Philipp Melanchthons ausgingen, die guten Werke und Taten der „Gerechtfertigten“ zu betonen und die Menschen auf der Basis des Humanismus, einem Vorläufer der Aufklärung, ethisch zu erziehen. Dabei hatte Melanchthon versucht, die reine Gnadenlehre Luthers an die Ideen Jean Calvins anzunähern, dass Sparsamkeit, Fleiß und harte Arbeit Formen moralischer Tugend darstellten und wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen für die Gnade Gottes sei. Ein Kopfzerbrechen über äußere Formen der Religionsausübung sah Melanchthon als nebensächlich (adiaphoron) an, weil das vom Wesentlichen ablenkte. Wegen der Annäherung an die Positionen Calvins wurden die Melanchthon-Anhänger versteckte (Crypto-)Calvinisten genannt.

Nach dem Kompromiss des Augsburger Religionsfriedens 1555 (s. unten) konnte jeder Landesherr bestimmen, welche Konfession seine Untertanen annehmen mussten. Das führte nicht nur zur Migration der Landeskinder, sondern auch zu einem Austausch unterschiedlich ambitionierter Theologen. Eigens eingesetzte Untersuchungskommissionen prüften die Tauglichkeit der einzelnen „Gottesmänner“ für die von den Fürsten vorgegebenen Religions-Varianten. Bei Nichteignung wurde der Betroffene in ein Territorium mit der „passenden“ Konfession abgeschoben bzw. ganz einfach ein Austausch vorgenommen. Besonders die Potentaten kleinerer mitteldeutscher Fürstentümer hatten sich bald in der Mehrzahl für den Calvinismus bzw. für seine gemäßigte Spielart, den Philippismus, entschieden. Die Leistungsethik kam eher ihren Intentionen nach einem wirtschaftlichen Aufschwung in ihren Ländern entgegen. In unserer Gegend bekannten sich nicht nur die Fürsten der anhaltinischen Kleinstaaten zum Philippismus oder zum Calvinismus, sondern auch die Herrscher sächsischer Exklaven wie Barby und Mühlingen.
Die seit 1542 evangelische Stadt Calbe hatte von ihrem Administrator und Landesherren das Gnesio-Luthertum „verordnet“ bekommen.
Der bei den Calbensern beliebte Pastor Dragendorff war von dem Akener Pfarrer Dux beim Schlosshauptmann Melchior von Wellen des Krypto-Calvinismus bezichtigt worden. Die Magister Werner Steinhausen aus Barby und Abraham Ulrich aus Zörbig traten als Zeugen für Dragendorff auf, die Anklage wurde abgeschlagen. Da mischte sich der Magdeburger Administrator Joachim Friedrich von Brandenburg, der Apologet des „reinen“ Luthertums, ein und befahl trotz einer nochmaligen Anhörung in Jüterbog und der Beteuerung von "Rat und Bürgerschaft zu Calbe,... daß er in der Lehre rein sei", die Entlassung Dragendorffs. Der Beschuldigte bekam eine Anstellung als Pfarrer im benachbarten anhaltinischen Nienburg. An seine Stelle in Calbe hatte der Administrator 1581 den orthodoxen Pfarrer Adam Crato aus Staßfurt gesetzt (s. auch die "sprechende" Hausmarke Cratos Station 4). Dieser neue Pfarrer aber fühlte sich dazu berufen, die philippistisch-calvinistischen anhaltinischen Theologen herauszufordern (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 55f.). Crato hing der lutherischen Theorie und Praxis an, bei Säuglingen vor der Taufe das Böse durch exorzistische Formeln auszutreiben. Auch in dieser Frage hatte sich der Protestantismus gespalten. Die Vertreter der lutherisch-orthodoxen Linie beriefen sich auf Luthers "Taufbüchlein". Grundlegend war dabei die Vorstellung, dass der Teufel im Herzen von jedem Menschen wohne und somit bei der Taufe ausgetrieben werden müsse. Calvin dagegen lehnte jede Art von Taufexorzismus ab. Auf lutherisch-evangelischer Seite verschwand der Taufexorzismus erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert völlig.
Während in den anhaltinischen Fürstentümern der Taufexorzismus abgeschafft worden war (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 56), kämpften die Theologen im Magdeburger Land um die "Rettung des Tauf-Büchleins Lutheri". Auslöser war das Buch der anhaltinischen Theologen gegen den Braunschweiger Superintendenten Dr. Polycarp Lyser, einen Hauptverfechter des Taufexorzismus. Da mischte sich plötzlich Adam Crato aus Calbe mit einer umfangreichen Schrift für die Beibehaltung der Zeremonie ein. Wutentbrannt antworteten 1590 die Anhaltiner in einer "Protestation wider das untheologische Lästern und Schelten des Pfarrers zu Calbe" und gleich darauf der Angegriffene mit einem an "Heftigkeiten" reichen "Responsum", worauf die anhaltinische Seite Crato noch schärfer angriff. Da verbot der Magdeburger Administator dem Calber Pfarrer Crato eine Weiterführung des Streites und wandte sich 1591 zweimal eindringlich an sein Mündel Johann Georg von Anhalt-Dessau (1567 - 1618), er solle seinen Theologen untersagen, die Kontroverse auszuweiten. Daraufhin gab der junge Fürst klein bei.
Matthias Steinhausen, Sohn des Barbyer Oberpfarrers und Vertrauten des Barbyer Grafenhauses Werner Steinhausen, war Diaconus der Stadtkirche in Calbe geworden; seine Ordination erfolgte 1569. Er hatte also schon sein Amt als "zweiter Pfarrer" unter Dionysius Dragendorff, dem seinerzeit Matthias’ Vater Hilfe zuteil werden ließ, ausgeübt. Als Crato 1581 als Pfarrer nach Calbe kam, muss ihm wohl recht bald dieser Diaconus suspekt gewesen sein. Er klagte Matthias Steinhausen des Calvinismus an, und eine Kommission, bestehend aus verschiedenen Pfarrern und dem Amtshauptmann Melchior von Arnstedt, untersuchte den "Fall". Die Herren fanden einige Mängel in der lutherischen Haltung des Angeklagten, schlossen mit ihm jedoch - wohl mit Rücksicht auf seine Familie - einen Vertrag, in dem er zusichern musste, künftig keinen Anlass mehr zur Kritik zu geben. Wahrscheinlich fand Crato erneut bei dem Diaconus Anzeichen einer subversiven calvinistischen Haltung, denn bald tagte wiederum eine Kommission wegen Matthias Steinhausen. Der Amthauptmann und der Stadt- und Landrichter vernahmen Bürgermeister, Lehrer und andere glaubwürdige Zeugen, die alle für den Angeklagten aussagten. Wieder kam es zu einer Ermahnung. Bald aber scheint Steinhausen der Feindseligkeiten seines "Vorgesetzten" Crato überdrüssig geworden zu sein, oder aber, er wurde aus dem Amt als zweiter Pfarrer entlassen, denn er tauchte in den Listen der Geistlichen seit den 1580-er Jahren nicht mehr auf. Das aber wird Matthias Steinhausen wenig gestört haben, denn er war, wohl aufgrund der Verdienste seines Vaters und seiner adligen Herkunft, schnell in das städtische Patriziat aufgenommen worden und hatte Anna Stock, die Tochter des Bürgermeisters Lorenz Stock, geheiratet.
(In Calbe aber blieb man auf der von Crato eingeschlagenen lutherisch-orthodoxen Linie, bis schließlich der Pietismus seit dem Ende des 17.  Jahrhunderts neue Pfade der Verinnerlichung des Glaubens und damit der Lösung vom starren Wort-Dogmatismus ging.)

1546/47 tobten im s. g. Schmalkaldischen Krieg die ersten Schlachten zwischen den protestantischen Fürsten, die sich im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen hatten, und ihren in der Liga vereinigten katholischen Gegnern. Auch ca. 800 spanische Söldner Karls V. unter dem berüchtigten Herzog Alba kamen 1547 ins Magdeburger Land, die in der Woche vor Pfingsten 1547 einen Plünderungszug durch unser Gebiet unternahmen und die Beute in ihrem zeitweiligen Lager in Barby zusammentrugen (vgl. Wickel/Thinius, a. a. O., S. 164). Auch das Stiftskloster "Gottes Gnade" wurde von den spanischen Söldnern kräftig ruiniert, die Spitzen der großen Basilika-Türme weggeschossen, Glocken geraubt und die Stiftskirche ausgeplündert  (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 116).

Ein drastisches Beispiel, wie die Elite des damaligen Katholizismus in Europa, die Spanier, mit ihren deutschen Brüdern im Glauben umgingen. Ob die spanischen Plünderer in die Stadt Calbe eingedrungen sind, kann nicht belegt werden. Möglicherweise hielt sie die in Calbe gerade ausbrechende Pest davon ab. Die Schlacht bei Mühlberg an der Elbe im April 1547 brachte den Sieg der katholischen Kaiserlichen.

1548 diktierte Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Augsburg eine Zwischenlösung, die das "Augsburger Interim" genannt wurde. Das Interim machte an die Protestanten Zugeständnisse, blieb aber im Wesentlichen auf katholischen Positionen. Magdeburg und Halberstadt, auch die Stadt Calbe und andere Städte, lehnten auf einer Synode in Eisleben das Interim rundweg ab. Calbe machte sogar durch vier eigene Kampfschriften Leonhard Jacobis von sich reden. Magister Jacobi stammte aus Nordhausen (s. Tafel oben) und war ein Vertreter des strengen Luthertums. Den Rat der Stadt Calbe hatte Jacobi hinter sich. Magdeburg wurde Zentrum des Widerstandes und deshalb 1550/51 von den kaiserlichen Truppen unter Moritz von Sachsen belagert. Das Umland bekam die Schrecken des Landsknechtskrieges zu spüren, besonders durch die barbarischen Söldner des Herzogs Georg von Mecklenburg

vgl. Hertel, a. a. O., S. 34). 

Nach der Kapitulation Magdeburgs 1551 plünderten die Landsknechte des Moritz von Sachsen die Städte des ehemaligen Stiftes. Das Stiftskloster Gottesgnaden wurde erneut durch katholisch-liguistische Soldateska des sächsischen Obersten Severin Lorenz ausgeplündert. Calbe blieb verschont. Wahrscheinlich schreckte die seit 1549 in Calbe immer stärker wütende Pest die beutegierige Soldateska ab.

Während der "Schwarze Tod", der im 14. Jahrhundert ein Drittel der Menschen in Europa dahin raffte, Calbe kaum tangierte, mussten die Calbenser zwischen 1547 und 1638 sieben Pestwellen erleiden

(s. Station 6). Zur Zeit der in Calbe 1565/66 besonders heftig auftretenden Pestwelle, bei der "fast die ganze Stadt leer geworden" war (Hävecker, a. a. O., S. 97), tat sich ein Mann als Pestpfarrer besonders hervor, der 1557 ordinierte Vorstadt- und Spital-Pfarrer Cyriakus Müller (vgl. Herrfurth, Der "Pestpfarrer...", a. a. O.). Weil die beiden Geistlichen der Stadt es als zu gefährlich ansahen, den Pestkranken beizustehen, wurde für diese Aufgabe Cyriakus Müller "gebraucht", wie sich der Ortschronist Hävecker ausdrückte (vgl. Hävecker, a. a. O., S 74). Ein Dank etwa in Form einer Beförderung wurde diesem beachtenswerten, von echter Nächstenliebe beseelten Dorfpfarrer nicht zuteil.

Durch das Wüten der Pest  1547-51 starben so viele Menschen in Calbe, dass der an der St.-Stephani-Kirche liegende Stadt-Friedhof (Kirchhof) nicht mehr ausreichte und 1551 ein neuer neben dem Vorstadt-Friedhof an der St.-Laurentii-Kirche eröffnet werden musste (s. Station 20). Nun wurden die verstorbenen Bürger der Stadt zunächst in der St.-Stephani-Kirche durch den Pfarrer und die Gemeinde verabschiedet, dann in einer Trauerprozession bis zur heutigen Neustadt vor den Stadtmauern zwischen Bernburger Straße und der Breite durch einen damals vorhandenen Eingang auf den Lorenz-Friedhof getragen oder gefahren und schließlich nach einer Verabschiedung am "Predigtstuhl" unter einem Mandelbaum im nordöstlichen Teil des Gottesackers beerdigt (vgl. Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 15 f.)
Nach dem Sieg über die widerspenstigen Magdeburger bereitete der Kaiser die Errichtung seiner Universalmacht vor. Das aber war auch den Liga-Anhängern zu gefährlich, und es kam 1552 zu einer Fronde der Fürsten gegen ihn, zumal beide Seiten mit dem Augsburger Interim unzufrieden waren. Flugs wechselte der machtgierige Moritz von Sachsen die Seite und führte nun die protestantische Fürstenallianz an. Nach mehreren Schlachten kam es schließlich zur Aufhebung des verhassten Interims und 1555 zum berühmten Augsburger Religionsfrieden zwischen den Katholiken und den nun als gleichberechtigt anerkannten Protestanten (- Reformierte waren davon ausgeschlossen -) mit der bekannten Formel „cuius regio, eius religio“. Die Landesfürsten konnten entscheiden, welche der beiden Konfessionen in ihrem Gebiet die Untertanen annehmen mussten. Das führte dazu, dass es heute noch Landschaften mit vorwiegend katholischer oder protestantischer Bevölkerung gibt und dass in einigen Fällen auch eine Wanderbewegung der Bürger und Bauern einsetzte.

Nach der überstandenen Pestwelle, den scheinbar beendeten Konfessionskriegen und der durchaus günstigen Kompromiss-Lösung des Augsburger Religionsfriedens gingen die Bürger von Calbe daran, einige Bereiche ihrer Stadtkirche im Renaissancestil umzugestalten.

Der Steinmetzmeister Urban Hachenberg aus Aderstedt bei Bernburg schuf 1561 den Taufstein und die steinerne Kanzel, die an die Stelle der alten hölzernen trat.

Das bislang für die Aufstellung der Kanzel angenommene Jahr 1562 muss laut Visitationsakten für Calbe vom 19.4.1562 revidiert werden, da es dort heißt, man hätte in der Stephanskirche Calbe „In kurtz eine newe Orgel gebawet, gestehet uber 900 fl. desgleichen einen predigstuel und teuffstein, gestehet auch bey 130 fl. Ahne was von unserm gnedigen hern dem Ertzbischoffe und etzlichen vermugenden burgern statlich darzu geschanckt.“ Die Jahreszahl 1561 am Taufstein muß deshalb auch für die Kanzel angenommen werden (Information von K. Herrfurth). Die hier erwähnte neue Orgel ist die von 1558 (s. weiter unten).

 

Taufstein von 1561

Der Taufstein vor dem Altar zeigt am Fuß das Wappen von Bürgermeister Peter Schröder (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 42). Schröder war 1551 und 1563 Bürgermeister, 1561 - im Jahr der Aufstellung - war es Jacob Fatthawer (vgl. Reccius, a. a. O., S. 94), der aber eigenartigerweise nicht erwähnt wurde. Um den achteckigen steinernen Kelch ist in Reliefschrift zu lesen: „Drei sind die dazu zeugen [bei Hävecker zusätzlich: auf Erden], der Geist, und das Wasser und das Blut, und die drei sind zusammen, 1. Joh., V. 5.“ Der obere Rand und das Innenbecken waren mit Zinn ausgeschlagen, in das man die Worte eingraviert hatte: „Das Aug allein das Wasser sieht,...“ Darauf stand ein Messing-Taufbecken. Ob der Kronleuchter, der über dem Taufstein hing, aus dieser Zeit oder eher aus der Periode nach dem Dreißigjährigen Krieg stammte, ist ungewiss. Über dem Taufstein befand sich ein (wohl hölzerner) Deckel, auf welchem die Taufe Christi durch Johannes den Täufer am Jordan zu sehen war. Darüber war der Heilige Geist in Tauben-Gestalt dargestellt, und wiederum darüber ein Pelikan, der seine Jungen speist (vgl. ebenda), christliches Symbol der aufopfernden Nächstenliebe.

Sandsteinkanzel von Urban Hachenberg

Der Kanzelträger - Könnte sich der Schöpfer der Kanzel hier selbst dargestellt haben? (Einen Beweis gibt es dafür nicht)

Die Sandstein-Kanzel von 1561, die nach Hävecker einer hallischen Kanzel - vermutlich der aus der Marktkirche zu Halle - nachempfunden war, zeigte vorn ein Kruzifix und rechts und links Maria und Johannes. Zu Häveckers Zeit war sie "schön gemahlet und vergüldet.“ (Ebenda, S. 39.) Der starke Pfeiler ist mit verdrehten und gespreizten kannelierten Rundstäben versehen.  Die darauf ruhende Kanzel hatte man mit drei Reifen verkleidet, auf denen in goldenen Buchstaben ein lateinischer und zwei deutsche Bibelsprüche zu lesen waren. Der lateinische Spruch, ein bedeutender Wahlspruch der Reformation, lautete: "Der Glaube stammt aus dem Gehörten (=aus der Predigt), das Gehörte (=die Predigt) aber stammt aus dem Wort. Entsprechend der Zielstellung der Reformation waren die anderen Sprüche in Deutsch. Auf dem untersten Reif waren die Wappen und Anfangsbuchstaben der Ratsherren und Pastoren zu lesen. Der mittlere enthielt den Spruch: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Füsse (=Füße) der Boten, die den Frieden verkünden," - eine offensichtliche Replik auf die scheinbar beendeten Konfessionskriege. Oben standen die Worte: "Einen andern Grund kan Niemand legen, ausser dem, der geleget ist, welcher ist JEsus Christ," - auch eine deutliche Absage an die Hybris Roms. Über der Kanzeltür konnte man lesen: "Wir sind Botschaffter an Christus statt, lasset euch versöhnen mit GOtt." Innen über der Tür  waren die Brustbilder eines Papstes und eines Kardinals zu entdecken.  Immerhin war während der Zeit der Ausstattung mit der neuen Kanzel noch der letzte vom Papst eingesetzte katholische Erzbischof in Magdeburg im Amt. Die lateinische Umschrift, die sich wohl auf Papst und Kardinal bezog, "Wir waren Kinder des Zorns" - das heißt: "Wir waren verdammt" - sagte jedoch einiges, denn der hier nicht angeführte Text in Epheser lautet weiter: "Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht." Eine sympathische Umschreibung der Kraft der lutherischen Reformation.

Der Löwe, auf dem der Kanzelträger hockt

(Im 19. Jahrhundert scheint man das Papstbildnis entfernt zu haben, denn Rocke sah statt dessen das Bild eines Lammes mit einer Fahne und der lateinischen Inschrift "Siehe, das ist das Lamm Gottes usw." sowie drei musizierende Kinder und eins mit Weihrauchkessel als Hochrelief (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95 f.).

Außerdem sah man ein Wappen, welches ein mit einem Pfeil durchbohrtes Herz im Schilde führte, darunter die Buchstaben M. V. W.  (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 40).  Die Initialen verweisen auf den Schlosshauptmann Melchior von Wellen (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95). Da nach der Liste bei Hertel Melchior von Wellen erst 1564 bis 1580 als Schlossvogt amtierte, wird sein Signum nachträglich eingefügt worden sein.
Die Treppe zur Kanzel stützt die Sandstein-Figur eines gebückt sitzenden bärtigen Mannes mit dem Rücken.Er hockt auf einem Löwen. Auf einem gemeißelten Zettel unter dem Rücken des Mannes konnte man die defekte gemalte Schrift lesen: „Gott wende…..v…….dt……“ (vgl. ebenda, S. 96).

Über dem Kanzelträger steht der Wahlspruch der Reformation: „Verbum dei manet in aeternum“ (Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit).

Der ursprüngliche hölzerne Schalldeckel der Kanzel ist wohl noch erhalten gewesen, denn er wurde erst nach dem Dreißigjährigen Krieg durch einen barocken ersetzt.

Die 1460 als kleines Positiv gebaute Orgel vergrößerte man 1545 nach vorangegangenen Reparaturarbeiten.

Sie wurde nach einem Inventarverzeichnis nicht mehr vorhandener Akten von 1587 (Nr. 9/3. Bund)  von einem Mitglied der Orgelbauerfamilie Beck(er) 1558 ausgestaltet und ist die „newe Orgel“, die in der Visitationsakte von 1562 (s. oben) genannt wurde. 1596/97 und 1621 hatten die anerkannten und geschätzten Orgelbauer Heinrich Contnius und sein Sohn Esaias die Orgel der Stephanskirche bearbeitet und restauriert. Von ihren Meisterwerken in Magdeburg, Halle, Leipzig, Erfurt, Croppenstedt, Gröningen, Bückeburg und Schloss Frediksborg  ist nur das letztgenannte erhalten und der Stolz dieses dänischen Königsschlosses (Informationen von K. Herrfurth).

Wie man an der zeitgemäßen Ausgestaltung der St.-Stephani-Kirche in den 1560er Jahren erkennen kann,  scheint sich die Stadt Calbe nach dem Augsburger Religionsfrieden wieder von den Wirren der Reformation und der Konfessionskriege erholt zu haben. Auch die Pfarrerbesoldung konnte gegen Ende des 16. Jahrhunderts wieder angemessen erfolgen. Dessen ungeachtet stellte der Wegfall des Patronats durch das säkularisierte reiche Stiftskloster für die Stadtkirche eine erhebliche Einbuße an Geld und Besitz dar. Die Finanzen der Kirche wurden in der s. g. Kirchenlade in Form einer Truhe aufbewahrt, die im Rathaus deponiert war.

Das Einkommen des Pfarrers betrug 1562 60 Gulden aus der Stadtkasse, 70 Gulden aus einer Ackerpacht, 10 Gulden Opfergeld, 18 Gulden von den Brüderschaften (Fischer- und Bauern-Genossenschaften, Zünfte u. ä.) anderthalb Gulden aus den Einnahmen der Kirche und mehrere beachtliche Naturalien, was zusammen etwa 160 Gulden ausmachte. Das Einkommen des Diaconus, des zweiten Pfarrers, betrug 62 Gulden, das machten lediglich 38 Prozent vom Einkommen des ersten Pfarrers aus. Der Küster bekam 10 Gulden (vgl. Hertel, a. a. O., S. 144).
1566 erhielt der Pfarrer von Calbe die Superintendenz im ganzen Amtsbezirk , seit 1595 kam dazu auch das Amt Rosenburg (vgl. ebenda, S. 143 f.)
Am Ostende des Langhaus-Daches war die Schulglocke für die im 16. Jahrhundert noch an der Querstraße (heute Wilhelm-Loewe-Straße) stehende Schule angebracht. Die bescheidene Glöcknerwohnung befand sich in dieser Zeit östlich neben der als Leichenhalle benutzten kleinen Südkapelle, und da sich auch die Totengräberwohnung östlich neben der Kapelle mit einem Kontroll-Fenster zur Leichenhalle befand (vgl. Rocke, a. a. O., S. 88), ist anzunehmen, dass der Posten des Totengräbers und des Glöckners von ein und derselben Person ausgeübt wurden. Im Obergeschoss der Kapelle befand sich bis zum Dreißigjährigen Krieg die Kirchen-Bibliothek (vgl. Hertel, a. a. O., S. 142), von der nach dem Krieg kaum noch etwas vorhanden war. Der Strick zum Läuten der Schulglocke lief schräg am Ost-Giebel des Langhauses zum kleinen, mit einer Mauer umgebenen Hof des Glöckners. Den vom Strick abgescheuerten Putz hatte M. Dietrich noch am Ende des 19. Jahrhunderts gesehen (vgl. Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 6).
Ollemann-Glocke von 1586

Mitteltürmchen und Verbindungsgang

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts  hatte man einen Gang zwischen den Türmen mit einem kleinen 1572 vom Rittergutsbesitzer Jacob Hake (zu den Ha(c)kes s.  Kapitel 1.4) gestifteten Türmchen (vgl. Herrfurth, Was Glockeninschriften..., a. a. O.) in der Mitte errichtet, das am 1. September 1602 umgebaut wurde. In dem Türmchen befand sich eine Uhr mit Viertel-Stunden-Schlagwerk (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 39) und eine Glocke. Hertel sah um 1900 im Türmchen eine Glocke mit der Inschrift „Calbe 1595“. Auf einer eingegossenen Platte mit Brustbild stand: "Leopoldus archidux Austriae, Dun [muss heißen Dux] Stiriae et Cariuthiae [muss heißen Carinthiae"] (vgl. Hertel, a. a. O., S. 138). Sie war also Leopold, dem Erzherzog Österreichs und Herzog der Steiermark und Kärntens, gewidmet. Was ein österreichischer Erzherzog mit Calbe zu tun hatte und ob der 1586 geborene Leopold V. gemeint war, bleibt unerfindlich. Vielmehr weist Klaus Herrfurth nach, dass der Rat laut Rechnung von 1602/03 für 18 Taler 21 Groschen die Glocke von der Witwe des Großbauern und Amtsschreibers Valentin Müller aus Schwarz kaufte. Diese Glocke war 1586 von Hans Ol(l)emann in Magdeburg gegossen worden und eigentlich für eine geplante, aber nicht realisierte Kirche in Schwarz vorgesehen. Der schwerreiche Hofbesitzer Müller, der als Stifter fungierte, starb in den 1590-er Jahren und konnte seinen ehrgeizigen und frommen Wunsch nicht mehr in die Tat umsetzen. So kam die fertige Glocke zum Verkauf und in den Mittelturm der St.-Stephani-Kirche Calbe (vgl. Herrfurth, ebenda).

Erhaltene Grabsteine im Turmhaus der Kirche

Seit 1551 war der Friedhof an der Stadtkirche (heute Kirchplatz) geschlossen (s. oben), weil wegen der gewachsenen Bevölkerungszahl, verbunden mit den Pest-Pandemien sein Fassungsvermögen nicht mehr ausreichte. Neben dem Vorstadtfriedhof hatte man im Bereich der St.-Laurentii-Kirche einen neuen, streng vom dörflichen getrennten Gottesacker für die Stadtbürger angelegt. Immer mehr Patrizier, die das Geld dazu hatten, ließen sich nun aber ebenso wie verdienstvolle Geistliche in der St.-Stephani-Kirche selbst beisetzen, was dazu führte, dass schon innerhalb zweier Jahrhunderte auch die Beerdigungs-Kapazität im Boden der Kirche erschöpft war. Die Grabplatten wurden der Einfachheit halber über den Beigesetzten horizontal auf den Fußboden gelegt, und die Gläubigen gingen über sie hinweg. Dadurch waren sie - besonders die in den Gängen - schon innerhalb eines kurzen Zeitraums kaum noch lesbar. Unter dem Mittelschiff und dem Hochaltarraum waren sogar Grabgewölbe angelegt, die 1866 zugeschüttet wurden.

Grabstein mit dem Hochrelief eines Ritters - wahrscheinlich eines Rittergutsbesitzers und Amtmanns von Ha(c)ke (jetzt in der Heimatstube Calbe)

Einige von den mehr oder weniger kunstvoll ausgeführten Grabsteinen und Epitaphien sind erhalten geblieben. Die verdienstvollen Heimathistoriker, Pfarrer Moritz Rocke und der Lehrer und Stadtkirchen-Küster Max Dietrich, haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Inschriften der 25 damals noch erhaltenen Steine registriert und damit für uns erhalten (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95 f. und Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 4 f.). Heute gibt es nur noch wenige dieser Steine; sie warten auf eine Restaurierung. Erschütternd ist auch die beträchtliche Zahl der aus patrizischen Kreisen stammenden gestorbenen Kinder und Jugendlichen. Wie viel höher muss doch die Kindersterblichkeit bei den Einwohnern der Mittel- und Unterschichten gewesen sein! Die für die Barockzeit typische Heiterkeit im Angesicht des Todes und der Trauer spiegelt sich in einem Gedicht wider, das auf dem Grabstein eines 1647 verstorbenen 30 Tage alten Mädchens aus adligem Geschlecht zu lesen war:

"Hier lieg ich armes Würmelein
Und schlaf in ei’m Ruhebettelein,
Mein’n Leib bescheid ich dieser Erd,
Bis er wider auferwecket werd’,
Mein Seelchen geb ich dir Herr Christ,
Das mit deinem Blut gesprenget ist.“
(Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 4 f.)

Auch ein Grabstein mit einem ausführlichen von Hävecker zitierten Lebenslauf des Diaconus' und Schulrektors Magister Johannes Cuno ist erwähnenswert (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 44.)
Im 16. und 17. Jahrhundert hatte sich die Eigentümlichkeit eingebürgert, die Kirche, weil es dort immer kühl war, als Lebensmittel-Magazin zu gebrauchen. Es ging dabei in den Zeiten der politisch-konfessionellen Spannungen nicht allein um Lebensmittelkonservierung, sondern um möglichst sichere Verstecke im Falle von Plünderungen. Bald waren das Turmhaus und die Grüfte mit Vorräten vollgestopft. Als man jedoch merkte, dass Mäuse und Ratten sich zu einer Kirchenplage entwickelten, wodurch besonders das Spielen der Orgel wegen der darin nistenden Nager erschwert wurde, verbot man diese Art der Nahrungsmittel-Aufbewahrung
(vgl. Rocke, a. a. O., S. 88 ).

Honoratioren-Abteil (170x230x160cm) in der Paulskirche in Bobbin auf Rügen - Solche den Patrizierfamilien gehörenden Kisten wurden überall an den Wänden der Stadtkirche Calbe aufgestellt

Seit dem 17. Jahrhundert setzte sich innerhalb der Stadtkirche eine weitere Absonderlichkeit durch: Die nach der Einführung der Reformation durch die Entfernung der Nebenaltäre entstandenen freien Räume wurden mit hölzernen Stübchen, ähnlich Logen im Theater, welche die einzelnen Patrizierfamilien aufstellen ließen, ausgefüllt (s. 3.). Manche waren auch zweistöckig, um zwei Familien Platz zu bieten, oder es wurden Emporen angebracht. Die einfachste Form stellten hohe verzierte Stühle und Bänke an den Wänden, auch im Altarraum, für vornehme Herrschaften dar.

Sieben Jahrzehnte hatte sich Calbe und seine Stadtkirche relativ ungestört entwickeln können, als 1625 mit dem Eintreffen kaiserlicher Truppen auch unsere Stadt die Leiden und Qualen des Dreißigjährigen Krieges zu spüren bekam (vgl. Calbe im Dreißigjährigen Krieg, in: Miszellen, in: Geschichte der Stadt Calbe http://de.geocities.com/calbegeschichte/dreiszigjkrieg.htm). Durch Terror, Seuchen, Hunger und Flucht wurde die Bevölkerung stark dezimiert, rund 30 Prozent der Häuser lagen wüst. Die Kirchen, besonders die Stadtkirche, wurden weitestgehend ihrer noch vorhandenen Schätze beraubt. Besonders traf die Bürger und ihre Kirche die Blutorgie der Kaiserlichen am 22. September 1630. Durch Brandlegung am Schlosstor war es gelungen, eine Schwachstelle zu erzeugen, die erschöpften Verteidiger, von denen 200 fielen, zu überrumpeln und um 11 Uhr vormittags in die Stadt einzudringen. Nun begannen die grauenvollsten 21 Stunden in der calbischen Neuzeitgeschichte, die Überwältiger kannten kein Pardon, es wurde geraubt, vergewaltigt und gemordet. Das Plündern und Schänden dauerte bis zum nächsten Morgen 8 Uhr, als durch ein Signal der Befehl zum Beenden des Plünderns gegeben wurde. Viele Bürger, auch die Geistlichen, versuchten sich in die St.-Stephani-Kirche zu retten. Die Plünderer rammten jedoch die schweren Eichentüren auf, öffneten gewaltsam die Gewölbe und die Sakristei, raubten alle Kostbarkeiten und stöberten auch die Menschen auf, die sich auf den Türmen und in der Südkapelle versteckt hielten. "Ein großes Leid hub an", schrieb Pfarrer Möser aus Staßfurt in seiner Schilderung der Ereignisse des Blutsonntags. Auch die kostbare Kirchenbibliothek wurde an diesem Unglückstag vernichtet oder geraubt. Eine Vorliebe zeigten die Plünderer für Kleidung. Die Bürger werden gezwungen, in Lumpen gehüllt, die zahlreichen Toten in Massengräbern  zu begraben. Diese Gruben hatte man eiligst, obwohl der Kirchhof schon offiziell seit 1551 geschlossen war, auf der Nord- und Westseite der St.-Stephani-Kirche ausgehoben (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 90 f., Reccius, a. a. O., S. 49, Hertel, a. a. O., S. 35 f.).

Anna Margareta von Haugwitz, Carl Gustaf Wrangels Ehefrau, Gräfin von Salmis, geboren am 16.1.1622 in Calbe an der Saale, gestorben am 20.3.1673 in Stockholm, im Alter von 26 Jahren gemalt von Anselm van Hulle

 

Während des Krieges hielten sich die Schweden sehr oft in unserer Gegend auf. Der junge Offizier Carl Gustaf Wrangel hatte in Egeln die elternlose schöne Anna Margareta von Haugwitz aus dem nahe bei der Stadtkirche gelegenen Rittergut Calbe kennen gelernt. Obwohl Anna Margareta am Blutsonntag 1630 Vollwaise geworden und bettelarm war, heiratete der 27-jährige Generalmajor die 18-jährige Calbenserin 1640 gegen den Widerstand seines Vaters  im Feldlager vor Saalfeld (vgl. Eine der schönsten und einflussreichsten Frauen im Europa des 17. Jahrhunderts stammte aus Calbe an der Saale http://de.geocities.com/steinmetz41/index.html).

Auffälligerweise heißt seit dieser Zeit die von den Ha(c)kes gestiftete Südkapelle "Wrangel-Kapelle". Es gibt zwar auch gute Gründe, den Namen von Prangel (=Holzbalken, Knüppel) abzuleiten, aber da die Volks-Ethymologie bis heute dezidiert bei "Wrangel-Kapelle" geblieben ist, kann man wohl eher annehmen, dass die Hacke'sche Kapelle nach der Verwüstung und Ausraubung von 1630 von dem jung vermählten Ehepaar Wrangel großzügig ausgestattet wurde, zumal Anna Margareta in der St.-Stephani-Kirche getauft worden war, und deshalb das gewiss grandiose Ereignis der Neuausstattung durch den Pracht und Kunst liebenden General im kollektiven Gedächtnis der Einwohner verankert blieb. Gräfin Anna Margareta Wrangel hatte sich ihr Mitgefühl für die unter den Kriegsfolgen leidenden Menschen in der Heimat bewahrt. Sie stiftete 1667 in ihrem Testament 500 Reichstaler für einen Fond, der der Linderung der Not der Bedürftigen in Calbe dienen sollte und dessen Zinsen jährlich an ihrem Hochzeitstag  für diesen Zweck ausgeschüttet wurden.

 

3. Ausgestaltung nach dem Dreißigjährigen Krieg (Barock, Klassizismus)

Barock (mit Rokoko): ca. 1600 bis ca. 1800

Klassizismus : ca. 1800 bis ca. 1850

Als die Heerwalzen beider Seiten nach einem zweijährigen Lager um Calbe, bei dem die Söldner aus dem ausgelaugten Calbe das letzte herausgeholt hatten, 1645 in Richtung Süden davon rollten, war der Krieg für die Calbenser und die noch schlimmer betroffenen Bauern der Umgebung im wesentlichen zu Ende. Die zum Amt Calbe gehörenden Dörfer waren so verwüstet, dass es kaum noch Zugtiere und Menschen für die Frondienste gab und dass weite Ackerflächen wüst lagen. Wirtschaft und Sozialstruktur der Stadt Calbe selbst waren ebenfalls ruiniert. Nur 14 Hufen, das war etwa ein Zehntel des ursprünglichen Ackerlandes der Stadt Calbe, wurden am Ende des Krieges noch bestellt. Die Einwohnerzahl war um 30 bis 40 Prozent reduziert.

Schon ein Jahrzehnt nach dem schrecklichen Krieg strebten die Calbenser trotz der Verluste und Verwüstungen danach, die alte wirtschaftliche und kulturelle Blüte möglichst schnell wieder zu erreichen.

Die Fortsetzung der Liste der in der Stadtkirche nach der Reformation tätigen Geistlichen

(- nach Tafeln, die früher in der Sakristei hingen -):

Pastores
Ern. Pflugmacher, Calbensis 1665.
M. Georg Below, Calbensis 1681.
M. Joh. Heinrich Hävecker, Calbensis 1693.
Christoph Carbaum,Tornavio Hallensis 1722.
Christian Friedrich Klein, Pomeranus 1745.
Joh. Georg Werth, Neo-Marchicus 1752.
Joh. Heinrich Müller, Silesius 1777.
Joh. Friedr. Christian Oberbeck 1805.
Friedr. Aug. Scheele, Superint. 1819.
Gustav Hermann Stöckert 1852.
 

Diakoni
M. Georg Below 1665.
M. Johann Heinrich Hävecker, Calbe 1681.
M. Christian am Ende, Guterbocensis 1692.
Ascanius Bake, Magdeburg 1709.
Chris. Carbaum 1710.
M. Georg Beiche, Staßfurtensis 1722.
Bernhard Baumgarten 1729.
Christian Friedr. Klein 1737.
Paulus Kalckberner, Merseburg 1746.
M. Joh. Frid. Aug. Kinderling 1747.
J. C. Brüllow 1808.
Carl Kleist aus C. 1853.
(Vgl. Hertel, a. a. O., S. 144 f., Ergänzungen und Korrekturen nach Informationen von K. Herrfurth)
 

 

Hölzernes "Lemmer-Epitaph"

Pfarrer Magister Conrad Lemmer (25.2.1602 - 18.4.1665), ein Sohn des Syndicus  Conrad Lemmer (vgl. Lemmerhof Station 18), und andere Bürger gingen an die Neuausgestaltung der besonders im Innern beschädigten und ausgeraubten Stephanikirche. Magister Lemmer war nicht nur ein bedeutender Geistlicher (Diaconus seit 1629 und Pastor primarius [erster Pfarrer] seit 1645), sondern auch ein weithin bekannter und anerkannter Philologe und Historiker. Er hatte in Wittenberg eine Professur für Orientalistik, und seine Werke fanden in der Fachwelt große Beachtung. Das schon zu seinen Lebzeiten 1654 aufgehängte hölzerne "Lemmer-Epitaph" war ursprünglich, wie Klaus Herrfurth überzeugend nachweisen konnte (vgl. Herrfurth, Bildergeschichten..., Teil 2, a. a. O.), nicht ihm, sondern seinen Eltern gewidmet. Nur 6 Jahrzehnte später unterlag auch Hävecker dem Irrtum, dass das Epitaph den Geistlichen und Wissenschaftler würdigte (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 44). Professor Lemmers tatsächliches, stark beschädigtes Bildnis wurde im 19. Jahrhundert entfernt (vgl. dazu Pdf-Broschüre "Lemmerepitaph und Christus in der Kelter"  Achtung!!! 9 MB)

Ihm, der in der schrecklichen Zeit des Krieges hier Diaconus und Pfarrer war, und seiner Initiative ist es zu verdanken, dass die St.-Stephani-Kirche wieder im bescheidenen Glanz neu erstehen konnte.

Inzwischen befand man sich in der Epoche des Hochbarocks. Das Barock-Zeitalter war der Gotik gegenüber ablehnend eingestellt. Der im Barock geprägte Begriff "Gotik" sollte die Abwertung im Sinne von "Barbarei" ausdrücken.

Folglich übertünchte man auch die gotischen Wandmalereien im Altarraum der Stadtkirche, was aber wenig nutzte, denn die wertvollen (- wahrscheinlich hochgotischen -) Fresken (s. Abschnitt "Hochgotische Basilika") drangen immer wieder durch. Die Wände des Innenraumes der Schiffe strich man weiß und die Felder zwischen den Bogenrippen in den Kreuzgewölben kräftig himmelblau. Diesen Himmel bedeckte man mit Stern-Applikationen. Im Altarraum wurde das Gestühl der Brautleute aufgestellt. Den weißen Anstrich hatte man sehr nötig, wenn man auch nur noch wenig davon sehen konnte, denn das Unwesen der "Kasten und Käfige", der Honoratioren-Stübchen und Patrizier-Stühle hatte weiter zugenommen. Die Fenster wurden dadurch fast gänzlich verdeckt. Aber auch von außen baute man an die Kirche besonders an der Südseite Ställe und Schuppen, und zu allem Überfluss wurden ringsherum Bäume angepflanzt. Dadurch versank das Innere der Stadtkirche allmählich in Nacht, Feuchtigkeit und Modergeruch. Das Hauptportal war geschlossen und das Turmhaus im Unterteil zu einer Abstellkammer umfunktioniert worden (vgl. Rocke, a. a. O., S. 80 f.).

Die Stadtkirche um 1850 (nach: Archiv Fam. Zähle)

 

Altarfiguren von Gottfried Gigas, die auf ihre Restaurierung warten: Moses und Engel

Restaurierte Figur Johannes' des  Täufers

Pastor Lemmer hatte dafür gesorgt, dass 1659 (vgl. Rocke, a. a. O., S. 80) eine "hohe und ansehnliche" Altarwand aufgestellt werden konnte mit Altarfiguren im Barockstil vom Magdeburger Holzschnitzmeister Gottfried Gigas [griech.-lat. für "Riese"], der auch die 1658 aufgestellte Roland-Figur geschnitzt hatte. Die Altartafel war in mehrere Felder gegliedert. Der untere Teil bestand aus zwei Sektionen: Links konnte man sehen, wie die Israeliten um einen Tisch stehen und das Osterlamm essen, und rechts, wie Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl hält. Im großen Mittelteil war die Grablegung Christi mit Personen in Lebensgröße dargestellt, und der obere Teil zeigte die Auferstehung Christi (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 40). Die Altargemälde hatte ein „Engelländischer Mahler“ (englischer Maler) für 32 Taler geschaffen (Information von K. Herrfurth). Zu beiden Seiten der Tafel standen Engel. Rechts neben dem Tafelwerk sah man Moses und links Johannes den Täufer (s. Abb.), grazil gestaltet und bemalt, wie Hävecker betonte. Auf den Tafeln des Moses waren die zehn Gebote in hebräischen Buchstaben geschrieben (vgl. Hävecker, ebenda). In großer Höhe thronte ein Friedensengel, unter ihm die Inschrift in goldenen Barock-Buchstaben: „Vivat et virescat Augustus, P. A. M. D. S. J. C. M.“ [Postulatus Administrator Magdeburgensis Dux Saxonias Juliacensis, Cliviensis Montensis] (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95 und Teitge, a. a. O., S. 21). Die lebensgroßen Barockfiguren stammten von Gottfried Gigas, der laut Kirchenrechnung von 1658/59 für seine gesamte Arbeit am Altar 57 Taler erhielt. Ein Meister aus Magdeburg hatte den hoch aufgetürmten Gesamtkörper der hölzernen Altarwand für 60 Taler gedrechselt (Information von K. Herrfurth).

Einst: Friedensengel an der Spitze des hohen Altaraufsatzes

Das "Es lebe und gedeihe Augustus" bezog sich auf den Administrator in Magdeburg, August, Herzog von Sachsen-Weißenfels, Jülich, Cleve und Berg (1618-1680), der ein aufgeklärter Fürst und Mitglied der "Fruchtbringenden Gesellschaft" war. Im Westfälischen Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde diesem sächsischen Herrscher ein Sonderstatus zuerkannt: Er durfte das Magdeburger Land bis zu seinem Tode weiter regieren. Erst danach sollte das Stiftsgebiet als Herzogtum Magdeburg an Brandenburg-Preußen fallen. Doch der Große Kurfürst mischte sich schon vor 1680 in die Belange unseres Gebietes ein.
Die Altarwand mit ihrer gesamten Ausstattung war so hoch, dass kaum noch Licht von der Ostseite in das Kircheninnere dringen konnte (s. oben).

1658 stifteten die Erben Georg Büngers einen (nicht mehr vorhandenen) Taufstein-Deckel (vgl. Reccius, a. a. O., S.  58). Um ihn herum stand laut Hävecker mit Goldbuchstaben in Latein zu lesen, dass der Deckel von den Erben des Herrn Stadt- und Landrichters Georg Bünger,  dem Bürgermeister und Syndikus Jacob Lüdeke, dem Bürgermeister Andreas Bremer und dem Ratsverwandten Christoph Bünger gestiftet worden sei (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 43).

Der alte und wahrscheinlich morsche Schalldeckel der Kanzel wurde 1659 durch einen neuen ersetzt. Das mit Engeln und anderen Figuren verzierte Holzschnitzwerk zeigte die Auferstehung Christi (vgl. Rocke, a. a. O.,, S. 97).

 

Die wirtschaftliche Entwicklung in Calbe nahm einen erheblichen Aufschwung, als das Stift Magdeburg 1680 ein brandenburgisch-preußisches Herzogtum unter den Hohenzollern wurde. Tuchmacher-Manufakturen entstanden in der ganzen Stadt, und Exilanten reformierten Glaubens aus Frankreich und der Pfalz trugen mit neuen Produktionsmethoden und Spezialtechniken wesentlich zur Steigerung der Produktion bei. Der Pietismus, zu dessen Verbreitung und Vertiefung der in der Stadtkirche tätige Hauptpfarrer Johann Heinrich Hävecker wesentlich beitrug (s. Station 7), bedeutete u. a. auch eine Abkehr von rund anderthalb Jahrhunderten orthodoxem Luthertum in Calbe. Melanchthon mit seiner Annäherung der „reinen“ Gnadentheorie Luthers an die Leistungsethik Calvins und seinen Forderungen, die guten Werke und Taten der „Gerechtfertigten“ zu betonen sowie die Menschen auf der Basis des Humanismus ethisch zu erziehen, entsprach eher den Intentionen des calbischen Stadtbürgertums im Manufakturzeitalter. Dazu gehörten auch Melanchthons Betonung des freien Willens, der bürgerlichen Gerechtigkeit und eines autonomen Naturrechts.

Bei der Neu-Ausgestaltung der Stadtkirche wurden nicht nur ein Porträt sowie ein lebensgroßes Bild Luthers, sondern auch ein Porträt von dem noch im 16. Jahrhundert als Krypto-Calvinisten verschmähten Philipp Melanchthon aufgehängt (vgl. Kinderling, a. a. O., S. 6). Wahrscheinlich gehörten die Porträts von den beiden Reformatoren zu den 1658 angeschafften Brautstühlen (s. oben). Das lebensgroße Lutherbildnis ging verloren, ebenso das Brustbild Melanchthons - dasjenige Luthers jedoch blieb erhalten, weil es  für die Kollage eines  im 19. Jahrhundert erneut angeschafften lebensgroßen Bildnisses des Reformators benutzt wurde. Die Geschwister Ackermann stifteten 1846 der Kirche das Luther-Bild (vgl. Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 8), das sehr simpel aus mehreren Stücken zusammengesetzt war. Der aufgeklebte Kopf wirkt relativ qualitätvoll porträtiert, während die Gesamtstatur Luthers im Pastoren-Mantel mit Bibel in den Händen und der symbolischen Martinsgans im Hintergrund ziemlich laienhaft gemalt wurde. Als sich der wahrscheinlich bereits vorhandene Bilderrahmen als zu groß erwies, wurde unten kurzerhand noch ein Stück Leinwand mit dem aufgemalten Fußboden angeklebt.

1685 übertrug Friedrich Wilhelm, der "Große Kurfürst", dem Pastor primarius in Calbe zusätzlich die Inspektion über Aken und  Wanzleben und die dazu gehörigen Amtsdörfer (vgl. Hertel, a. a. O., S. 144). (Deshalb schrieb Hävecker auch seine "Chronica" nicht nur über Calbe, sondern über die drei Städte.)

Nach einer mehrfachen Restaurierung und Erweiterung der alten Orgel war es notwendig geworden, sich ein zeitgemäßes Orgelwerk zuzulegen. Um einen Teil des dafür nötigen Geldes zu erhalten, wurde die "Armesünder-Glocke", die "Bramme" (s. oben), 1710 verkauft, zumal das Verbrennen von Verurteilten seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts in Calbe verboten war.

Der Erlös des Brammen-Verkaufes wurde teilweise auch zum Ankauf eines Pfarrwitwenhauses genommen (vgl. ebenda, S. 139).

Zum Kauf einer neuen Orgel wird das Geld wohl nicht gereicht haben, denn 1720 wurde das "Flickwerk" seit dem 15. Jahrhundert, wie es Rocke nannte, generell umgewandelt, erweitert und mit einem ansprechenden barocken Gehäuse versehen (vgl. Rocke, a. a. O., S. 99 f.). Hävecker nannte das Ganze sogar eine "neue Orgel" aus 32 klingenden Stimmen und 38 Registern, wozu der Kaufmann Gabriel Rößner aus Frankfurt 50 Reichstaler gestiftet habe, der Orgelbauer sei N. Müller aus Halberstadt gewesen.

Eine Orgelempore wurde noch zu Häveckers Lebzeiten errichtet (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 43).

Die ausgetretenen und defekten Sandsteinstufen zur Kanzel besserte man 1730 aus und meißelte die Jahreszahl ein (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95). 1739 wurden die Chorraum-Wände um 2 Meter erhöht und das bereits erwähnte gotisierende Imitat-Gewölbe aus Holz, Rohrgeflecht und Verputz eingefügt.  

1743 gestaltete man außen das einzige barocke Element an der St.-Stephani-Kirche, das Zwiebeltürmchen zwischen den beiden Türmen, ehemals eine Stiftung von 1572.

Laut einer Marmortafel in der Sakristei von 1792, die jetzt im Turmhaus lagert, wurde das Innere 1791 neu geweißt, Altar und Kanzel restauriert und die Orgel neu verziert (vgl. Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 7).

 

Ende des 17. Jahrhunderts ließ man von der Gepflogenheit ab, Honoratioren im Innern der Kirche beizusetzen und die entsprechenden Grabsteine und Epitaphien im Fußboden anzubringen.

Zu den letzten gehörten die von den Rittergutsbesitzern Kapitän (Hauptmann) Christian Friedrich von Haugwitz (gest. 1656), einem Halbbruder der Gräfin Anna Margareta Wrangel (s. oben). Neben ihm waren seine beiden im Kleinkindalter verstorbenen Kinder Anna Margarete (9 Monate) und Carl Gustav (2 Jahre) beigesetzt, die nach ihrer schönen Tante bzw. ihrem berühmten Onkel benannt worden waren. Weiterhin waren unter dem Altarraum die Grüfte des Majors Matthias von Schlegel(l) (gest. 1669) und dessen Witwe Elisabeth geb. von Wardensleben (gest. 1673) (s. Abb. der Epitaphien des Ehepaares unter "4. Historistische Ausgestaltung"). Elisabeth von Wardensleben war vor 1656 die Frau des Hauptmanns von Haugwitz gewesen. Major von Schlegel hatte die Witwe geheiratet, wodurch er der neue Rittergutsbesitzer geworden war (vgl. Hävecker, a. a. O., S. 80).

"Erbbegräbnis v. Reichenbach" - Sandstein-Plakette an der Stelle, an der sich das hoch aufgetürmte Erbbegräbnis befand

Das Ehepaar blieb kinderlos, und das Rittergut Calbe kam an die brandenburgisch-preußische Krone. 1685 erwarb der Syndikus (akademisch ausgebildeter Leiter der städtischen Verwaltung) Johann Friedrich Reichenbach das Rittergut vom kurbrandenburgischen Staat "erbkauffsweise samt allen Pertinentien [Zugehörigkeiten - D.H.St.] und zugehörigen Gerechtigkeiten, Aeckern, Wiesen und Garten." (Ebenda.)

Die zu Reichtum und Ansehen gelangten Reichenbachs ließen an der Südseite der St.-Stephani-Kirche vor dem dritten Fenster von links ein hohes Erbbegräbnis im Barockstil errichten, was die Finsternis im Innern verstärkte.

Auch das nächste Fenster zwischen Erbbegräbnis und Wrangel-Kapelle wurde zu einem beträchtlichen Teil vom städtischen Spritzenhaus bedeckt (vgl. Rocke, a. a. O., S. 87), in dem die notwendigen Geräte zur Brand-Bekämpfung aufbewahrt wurden (Handpumpen, Fässer, Schläuche u. ä.). Ebenfalls dafür benötigte längere Leitern und Stangen waren an der Nordseite der Kirche unter einem Schutzdach aufgehängt worden. Der Totengräber hatte nach dem Raub der Kirchenbibliothek im Dreißigjährigen Krieg das Obergeschoss der Wrangel-Kapelle bezogen und bewohnte dort eine Wohnung mit Küche, Kammer und Wohnstube (vgl. ebenda, S. 88). Ob der Anbau rechts neben der Wrangelkapelle, in dem früher der Totengräber gewohnt hatte (s. oben zum südöstlichen Kapellen-Vorbau), danach noch von Bediensteten der Kirche genutzt wurde, ist ungewiss. Vielleicht war die Funktion des Schul-Glöckners an der Ostseite der Kirche nach 1695 hinfällig geworden, nachdem auf der Westseite des Kirchplatzes eine neue Stadtschule erbaut worden war (s. Station 7) und der Glöckner auf den Türmen die Glocke im Mitteltürmchen für die Zäsierung des Schulbetriebes nutzen konnte.

Hohes Satteldach der St.-Stephani-Kirche

Geldknappheit und vorausschauende preußisch-pietistische Sparsamkeit werden es gewesen sein, die die Stadtväter zu dem Entschluss kommen ließen, die baufälligen spätgotischen Erker-Giebel mit den Zwerchdächern an der Stadtkirche nicht mehr reparieren, sondern 1678 abreißen zu lassen (vgl. Teitge, a. a. O., S. 21), wodurch die Seitenfronten ihres imposantesten gotischen Schmuckes beraubt wurden. Aber da die Menschen im Barockzeitalter ohnehin wenig Beziehung zur Gotik hatten, fiel der Verlust nicht so schwer. Die Stadtkirche kam unter ein einheitliches hohes Satteldach (vgl. Wickel/Thinius, a. a. O., S. 265), wie es heute noch zu sehen ist, wodurch künftige Dachreparaturen nun auch bedeutend kostengünstiger wurden.

Nach dem Zusammenbruch des alten Preußens unter den Schlägen Napoleons I. 1806, der Abschüttelung der französischen Fremdherrschaft 1813 und dem Wiener Kongress 1815 wurden auch die Calbenser, die sich eine bürgerlich-liberale Entwicklung erhofft hatten, enttäuscht. Einige bescheidene Reformen wie die Verwaltungs-Umstrukturierung, innerhalb derer Calbe Kreisstadt wurde, und die schrittweise Ablösung feudaler Abhängigkeiten in Landwirtschaft und Handwerk konnten die Hauptprobleme der nationalen Einheit und der Mitbestimmung des Industrie-und-Handels-Bürgertums nicht lösen. In Calbe bildeten sich die Schichten der Industriekapitalisten und der Industriearbeiter aus den alten tuchmanufakturellen Verhältnissen heraus. Die bürgerlich-patriarchalen  Strukturen lösten sich auf, was u. a. zu einer veränderten Stellung der Kirche in Calbe führte. Klagen über Verwahrlosungen der Unterschicht-Familien und Vernachlässigungen des Kirchenbesuches bei der Arbeiterschaft nahmen zu. Die Ereignisse während der Revolution 1848/49 hatten den Bürgern von Calbe die neue Gefahr gezeigt. Der Neopietismus, eine Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche im Zusammenklang und in Wechselwirkung mit der Kulturströmung der Romantik, versuchte der verhängnisvollen Entwicklung entgegenzuwirken. Aufbauend auf den geistigen Gütern des Pietismus, wie er in Calbe von Johann Heinrich Hävecker (s. Station 7) hauptsächlich vertreten worden war, aber auch der Aufklärung, der Magister Johann Friedrich August Kinderling nahe stand, zogen verschiedene Neopietisten wie der Superintendent von Calbe, Friedrich August Scheele und seine Tochter Marie, verh. von Nathusius (s. Station 9), die Lehre, die "Armen" zu unterstützen bzw. ihnen tatkräftig aus ihrem unverschuldeten Elend herauszuhelfen.

Als die Zeit der Epitaphien in der St.-Stephani-Kirche beendet war, wurden bedeutende Geistliche dieser Kirche in lebensgroßen Öl-Leinwand-Bildern mit Kurzlebensläufen für die Nachwelt gewürdigt. Davon sind nur noch wenige Gemälde vorhanden, 1883 wurden mehrere von ihnen auf dem Boden der nahe gelegenen Knaben-Volksschule deponiert, von wo sie - wahrscheinlich wegen Zerfalls entsorgt - spurlos verschwanden. Der Küster und Lehrer Max Dietrich hat uns mehrere Texte zu den Bildern, die um 1900 noch vorhanden waren, überliefert.

Ausschnitt aus einer Schwarz-Weiß-Reproduktion des verloren gegangenen Bildnisses von J. H. Hävecker (nach: Stadtarchiv Calbe)

Die Reproduktion des gesamten Häveckerbildes (nach: Stadtarchiv Calbe)

„M. Johan Heinrich Hävecker geb: 1640, Scholä Rector 1665, Adjunt:Minist. 1675, Diaconus

 1681, Pastor u. Inspect: 1693. starb den 22. Julij 1722, Alt 82 Jahr.
Hier lebt im Hävecker das Bildt der Redlichkeit,
Die über viertzig Jahr dem Predigt=Amt sich weiht,
sein frommer Sinn u. Fleiß, den nohc
[Fehler im Original] die Nachwelt ehret,
Beweist, das Frömmigkeit die Zahl der Jahre mehret.
Dem Wohlseel: zum Andenken aufgestelt von deßen Enckel Chr: Lebr: Hävecker Syndico. 1791.“

„M. J: F. A: Kinderling Diaconus in Calbe, geb: in Magdeburg d: 24. mai 1743. Starb den 28. Aug: 1807. Er ging wie die Geliebten Gottes hinüber zu dem Friedenslande, bewundert von den Gelehrten, geliebt von den Edlen, welche Seinem Andenken nachweinen.“ (Nach: Dietrich, Calbenser Ruhestätten, a. a. O., S. 8 f., Korrekturhinweise: K. Herrfurth.)

Magister Kinderling war ein eifriger Sammler regionalgeschichtlicher Quellen ("Kinderling'scher Nachlass" im Geheimen Staatsarchiv Berlin Preußischer Kulturbesitz) und heute noch anerkannter Erforscher der niederdeutschen Sprache, auf dessen Werken auch die deutsche Germanistik des 19. Jahrhunderts aufbaute.

Ausschnitt aus dem noch vorhandenen Bildnis F. A. Scheeles

 

„Friedrich August Scheele, geb: 26. Juli 1776 zu Dingelstedt bei Halberstadt u. wurde 1802 Rector daselbst, 1807 Prediger an St. Petri u. 1809 Pfarrer an der Heil. Geist=Kirche in Magdeburg. Von 1819–1852 war er Superintendent u. Oberpfarrer an St. Stephani zu Calbe a./S. Er wirkte hier zusammen mit Pastor Brüllow 33 Jahre und starb im wahren Glauben u. Bekenntniß am 18. Dezember 1852. in Thale. Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit. Ebr: 13. 8.“ (Text unter dem noch erhaltenen Bildnis von Pastor Scheele in der St.-Stephani-Kirche Calbe/S.)


Am ersten Pfingstfeiertag des Jahres 1828 hatte die größte Glocke im Südturm mit der Inschrift „Dum trahor, audite, voco vos, ad sacra veni" (s. oben unter 1495 bis 1542) einen Sprung bekommen. Als auch ein geheimes Wundermittel eines Tischlermeisters Köster nicht
half, wurde sie 1850 in der Lauchaer Glockengießerei der Gebrüder Ulrich umgegossen. Spenden der Gemeindemitglieder hatten dazu beigetragen.
Nach dem Umguss trug sie die Inschrift um den Hals:
„Alles was Odem hat, lobe den Herrn.“
Um den Mantel auf der einen Seite konnte man lesen:
„Lebende ruf ich
Zu beten im Hause des Herrn.
Gestorbenen send ich
Töne der Klage ins Grab.
Kuinde der Zeit eilenden Flug,
Gruisse den Nahenden festlichen Tag,
Flehe auch fernhin
Huilfe zu bringen in Noth,
Und zum Himmel erheb ich,
Wie erhoben ich ward."

Um den Mantel auf der anderen Seite stand unter einem Kruzifix:
„Vater in deine Hände befehl ich meinen Geist.“
Unten um den Ring las man:
„Zersprungen 1828, umgegossen in Eisleben 1840 durch freiwillige Beiträge der Gemeindemitglieder, umgegossen 1850 durch freiwillige Beiträge der Gemeindemitglieder von den Gebruider Heinrich Ulrich in Laucha”.
(Vgl. Hertel, a. a. O.,  S. 138 f.)
 

4. Historistische Ausgestaltung in der Zeit der Einigung des Deutschen Reiches (Neopietismus)

Historismus: zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts

Nach der weitgehend erfolglosen Revolution von 1848/49 begann sich zaghaft die zweite Phase der Industrialisierung in Deutschland herauszubilden, die nach der durch "Eisen und Blut" vollzogenen Reichseinigung voll einsetzen konnte. In Calbe drückte sich das durch ein Anwachsen der Zahl der Fabriken mit noch mehr und leistungsstärkeren Maschinen aus. Die Stadt erreichte (nach dem ersten Aufschwung unter brandenburgisch-preußischer Herrschaft im 18. Jahrhundert) zwischen 1871 und 1914 eine zweite - wahrscheinlich die größte - neuzeitliche Blüte auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet.

Die Fortsetzung der Liste der in der Stadtkirche nach der Reformation tätigen Geistlichen

(- nach Tafeln, die früher in der Sakristei hingen -):

Pastores                           

Heinrich Glöckner 1867.
Ernst Hundt 1884.
 

Diakoni

Gotthelf Moritz Rocke 1862.

Ernst Hundt 1874.

Carl Storch aus Ziesar 1885.

Adolf Bodenburg aus Schwarz 1889.

(Vgl. Hertel, a. a. O., S. 144 f.)

Die zunehmende Industrialisierung, das Anwachsen der Fabrikarbeiterschaft, die langen, zermürbenden Arbeitszeiten und der wachsende Einfluss kommunistisch-sozialistischer Ideen führten auch in der Stadtkirche zu einem Rückgang der Kirchenbesuche  gegenüber dem 18. Jahrhundert, bezogen auf die stark gewachsene Einwohnerzahl.

Die zahlreichen mittelständischen und industriellen Unternehmer bemühten sich gemeinsam mit dem städtischen Bildungsbürgertum nach rund 200 Jahren um eine generelle, der wirtschaftlichen Blüte angemessene Erneuerung der St.-Stephani-Kirche. Die Restaurierung verlief in zwei Etappen: der General-Renovierung von 1866 bis 1869 und der Verschönerungsphase 1883 bis 1904.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeit des Historismus in der Kunst. Basierend auf den nationalen Ideen der Romantik bemühte man sich, die Kunststile vergangener Epochen nachzuempfinden. Neorenaissance und Neogotik entsprachen dem Zeitgeschmack; Beispiele dafür sind unser Rathaus am Markt, das rote Postamt und das Amtsgericht am Alten Markt so wie verschiedene alte Fabrikgebäude. Innerhalb des Protestantismus hatte sich in Preußen, u. a. in unserer Gegend, der Neopietismus mit seinen Ideen eines sozialen Engagements durchgesetzt, der allerdings nicht nur eine liberale, sondern vorherrschend eine konservativ-feudale politische Richtung einschlug.

Schon 1857 hatten die Gemeindemitglieder der Stadtkirche für eine General-Renovierung zu sammeln begonnen, wobei Ausgaben von 4-6000 Talern veranschlagt wurden. Da diese gewaltige Summe auch mit Hilfe der wohlhabenden Bürger nicht so schnell aufzubringen waren, wurden Ratenzahlungen mit Quittungsformularen vereinbart (vgl. Dietrich,... Ruhestätten, a. a. O., S. 6). Nach neun Jahren war es dann so weit. 1866, mitten im Reichseinigungsprozess, konnte mit einer radikalen Umgestaltung, die alle Artefakte des Barocks in und an der Kirche (- außer dem Barocktürmchen von 1743 -) beseitigte, begonnen werden. Man ging von den richtigen Prämissen aus, dass die St.-Stephani-Kirche im Zeitalter der Gotik errichtet worden ist und diese Architektur-Epoche von Licht und weitem Raum lebt. Dabei ging man so weit, alles, was diesen Intentionen nicht entsprach, rigoros auszuräumen bzw. zu vernichten.

Neogotisches Gestühl im Chorraum

Das betraf in erster Linie die vielen das Licht versperrenden "Kisten und Kästen", die hölzernen Honoratiorenstübchen, hohen Stühle und Seitenemporen, die zum Teil schon recht morsch waren (vgl. Rocke, a. a. O., S. 82 und Teitge, a. a. O., S. 22). Dabei verschwand sicherlich auch so manches erhaltenswerte Detail, wie Schnitzwerk und Malereien, aber auf das prachtliebende Barock waren die Herren Renovatoren ohnehin nicht so gut zu sprechen. Dafür bekam der Altarraum neues neogotisches Gestühl (vgl. Teitge, ebenda).

Auch die schon wurmstichigen und morschen Altartafeln und die umrandenden Figuren wurden entfernt. Sie hatten ebenfalls einen erheblichen Teil des Lichtes durch die Verdeckung der drei Ostfenster ausgesperrt (vgl. Rocke, a. a. O., S. 95 und Teitge, a. a. O.). Einige der von Gottfried Gigas geschaffenen Heiligen- und Engel-Skulpturen, die noch einigermaßen intakt waren, hob man für die Nachwelt auf. In den 1990-er Jahren wurde die Altarfigur Johannes' des Täufers restauriert und an der Südwand des Altarraumes aufgehängt (s. oben "Ausgestaltung nach dem Dreißigjährigen Krieg"). Die anderen Figuren warten noch auf ihre Wiederherstellung. Der steinerne Altar wurde etwas gekürzt und als einziger Schmuck das große, alte Kruzifix aufgestellt, das schon Hävecker hervorhob und das früher an der Grenze zwischen Altarraum und Langhaus gestanden hatte (vgl. Rocke, a. a. O., S. 94 f.). Das Kreuzgewölbe-Imitat (s. oben) im Altarraum wurde erneuert (vgl. Teitge, a. a. O.).

Die Deckel der Kanzel und des Taufbeckens mit reichem Schnitzwerk verschwanden und wurden wohl vernichtet (vgl. Teitge, a. a. O.).

Auch die alten bunt bemalten Fenster - teilweise defekt - mussten weichen. Reste dieser mittelalterlichen Kirchenfenster wurden 1884 an das Kunstgewerbemuseum Magdeburg für 15 Mark verkauft, wo sich ihre Spur verliert (Information von K. Herrfurth). Nun bekamen die Langhaus-Fenster in den oberen Rosetten Buntglasscheiben, und die 3 Hochaltarfenster gestaltete man vollständig farbig (vgl. Rocke, a. a. O., S. 82 und Dietrich,... Ruhestätten, a. a. O., S. 9).

Glasfenster von 1866 im neogotischen Stil

 

Die Kreuzgewölbe erhielten erneut einen himmelblauen Anstrich - im Hochchor etwas dunkler mit vergoldeten Sternen (vgl. Rocke, a. a. O., S. 82).

Die Sandstein-Kanzel, seit 1562 am zweiten nordöstlichen Pfeiler (s. oben "... nach 1542"), erhielt 1866 ihren Platz an der nördlichen Grenze des Altarraums zum Langhaus (vgl. Teitge, a. a. O.).

Epitaphien des Ehepaares v. Schlegel(l) im Turmhaus

Bei der generellen Umgestaltung der Kirche nahm man im Innern auch Grabungen vor, die - besonders im Bereich des Chorraumes - einige Hinweise zur Baugeschichte lieferten (s.oben). Die Gräber unter den Füßen der Besucher wurden mit einer Zementschicht versiegelt, die den neuen Fußboden bildete. Eine damit verbundene Erhöhung von dessen Niveau sollte der Bekämpfung der Feuchtigkeit dienen - ein zweckloses Unterfangen, wie sich herausstellte (vgl. Rocke, a. a. O., S. 91 und Teitge, a. a. O.). Einige der entfernten Grabplatten stellte man an den Innen- und Außen-Wänden der Kirche auf, andere tauchten bei heimatgeschichtlich interessierten Bürgern in deren Gärten und Höfen auf. Am besten erhalten waren nach 1900 noch die barocken Epitaphien der Rittergutsbesitzer Chr. Friedr. v. Haugwitz, Matthias v. Schlegell und dessen Frau Elisabeth, die an der Ostwand hinter dem Altar standen (vgl. Hertel, a. a. O., S. 142). Heute sind in einer Ecke des Turmhauses noch die Steine des Ehepaars Schlegell bis zu einer Wiederaufstellung deponiert (s. Abb.).

Die s. g. Wrangelkapelle durfte wegen des Einspruchs der Regierung nicht abgetragen werden. Rocke hatte sich vehement für deren Abriss eingesetzt, weil er sie als stümperhaft empfand und weil sie ein Fenster und und ein Portal verdeckte (vgl. Rocke, a. a. O., S. 88). Erfreulicherweise blieb sie uns erhalten. Die kulturhistorisch gewiss interessante doppelte Marienfigur mit dem Christuskind (s. oben) aber fiel dem Säuberungswahn zum Opfer (vgl. ebenda).

Ehemaliges Spritzenhaus - jetzt Winterkirche

Die zwei Fenster links neben der Kapelle jedoch wurden "befreit", indem man das mächtig aufgetürmte Erbbegräbnis der Reichenbachs (s. oben) in der Höhe stark reduzierte und umgitterte (vgl. Rocke, a. a. O., S. 87) sowie das städtische Spritzenhaus (s. oben) entfernte. Alle Schuppen und Ställe !!! an der Südost-, Nordost- und Ostseite der Kirche wurden erfreulicherweise abgerissen (vgl. Rocke, a. a. O., S. 87 und Teitge, a. a. O.). Dafür bekam die Feuerwehr einen neuen Raum, der der Gotik nachempfunden war. Er entspricht der heutigen s. g. Winterkirche (vgl. Rocke, ebenda). Nur muss man sich die jetzt verglasten Spitzbogen als Tore vorstellen. Durch den Neubau fiel auch die Glöckner-Wohnung weg (vgl. Dietrich, Ruhestätten, a. a. O., S. 6).

Nachdem man die Halle zwischen den Türmen entrümpelt hatte, konnte nach einer langen Zeit des Verschlossenseins das Hauptportal wieder geöffnet werden (vgl. Teitge, a. a. O.).

1866 bis Anfang 1869 war ein zeitgemäßes Orgelwerk mit den vielfältigsten musikalischen Ausdrucksweisen und Funktionen von der Firma Reubke und Sohn in Hausneindorf bei Quedlinburg geschaffen worden, über das sich Rocke mit großem Lob äußerte. Am 7. März 1869 (Lätare=dritter Sonntag vor Ostern) fand die festliche Einweihung des kunstvollen Instrumentes statt (vgl. Rocke, a. a. O., S. 100 ff., Dietrich, Unsere Heimat, a. a. O. und Teitge, a. a. O.).

Die vertiefende Verschönerungsphase Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts begann 1883 mit einem neuen Anstrich des Chorraumes, der an den Wänden ein "teppichähnliches Muster" erhielt (vgl. Dietrich, Ruhestätten, a. a. O., S. 8). Als der Blitz schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahrzehnten (1867 und am 30.6.1885) in den Südturm eingeschlagen hatte, wurde der nördliche Turm im Innern durch eine Treppe mit diesem Turm verbunden (vgl. ebenda, S. 9).

Mit Hilfe von Spenden und anderen Einnahmen konnten weitere Fenster mit Buntglas verschönert werden. 1888 war es möglich geworden, aus dem Erlös eines Lutherspieles, das Diaconus Carl Storch initiiert hatte, zwei Fenster im Ostgiebel des Langhauses mit farbigem Glas auszustatten (vgl. ebenda). 1892/93 waren anlässlich der Feier des 350-jährigen Jubiläums der Einführung der Reformation in Calbe 6 weitere Bunt-Fenster an der Reihe. Sie wurden ebenfalls aus dem Überschuss des Storch'schen Lutherfestspiels sowie aus den Spenden calbischer Unternehmer (Grobe, Brückner, Raschke), des Oberpfarrers Hundt und der Magistratsmitglieder finanziert. Die bunten Fensterscheiben stellten die Bergpredigt-Szene und die Steinigung Stephans dar (vgl. Dietrich, Ruhestätten, a. a. O., S. 9; ders., Heimat, a. a. O., S. 11).

Seit 1891 erwärmten 5 Öfen im Winter die kalte Luft in der Kirche (vgl. Dietrich, Heimat, ebenda).

Eine Restaurierung der großen Orgel von 1869 erfolgte 1899.

Tuch-Fabrikunternehmer Eduard Grobe stiftete 1904 zusammen mit seiner Frau Julie geb. Schotte einen Altaraufsatz und Gutsbesitzer Bartels "auf Bartelshof" einen eichenen Schalldeckel für die Kanzel, denn der alte von 1695 war 1866 wegen Verfalls entfernt worden (s. oben) (vgl. ebenda).

Blick von West: Neogotische Ausstattung der Kirche von 1904 (Aufnahme von Horst Pietzner 1936) Blick von Ost: Neogotische Orgel und Orgelempore von 1866 (nach: Reproduktion im Archiv der Heimatstube Calbe/S.)

Der Erste Weltkrieg beendete abrupt die hoffnungsvolle Blütezeit - nicht nur in Calbe.

In der St.-Stephani-Kirche nahm seit 1916 die Anzahl der Friedensgebete zu. Die blutigen Materialschlachten an den Fronten und die Hungersnöte in der Heimat brachten es mit sich, dass hier wie in anderen Kirchen immer häufiger Gottesdienste für gefallene Soldaten und verstorbene Kleinkinder stattfanden, während Kinder immer seltener getauft werden konnten, weil die Geburtenrate drastisch sank. 1917 betrug die Anzahl der Geburten in der Stephani-Gemeinde nur noch 38 Prozent derer von 1914 (s. Geschichte der Stadt Calbe, 1914-1919 http://de.geocities.com/calbegeschichte/ersterweltkrieg.htm).

Geretteter Ausschnitt aus einem nicht mehr existierenden Buntglas-Fenster, wahrscheinlich Detail aus einem der 1892/93 gestifteten 6 Langhaus-Fenster (Jesus bei der Bergpredigt?)

 

5. Umgestaltungen im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart

Durch den Ersten Weltkrieg brach der große Aufschwung Calbes jäh ab. Die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" warf die Stadt auf das Niveau eines kleinen Provinznestes mit vorwiegend agrarischer Produktion zurück.

Pastores (nach dem Ersten Weltkrieg: Pfarrstelle I)

Wilhelm Behrens 1904

Oskar Kohlschmidt 1910 (auch Superintendent)

Walter Groß 1932

Gottfried Eggebrecht 1942

Ernst Franke 1962

Heinz Kreisel 1970

Johannes Könitz 1989 (nur im Entsendungsdienst, nicht Stelleninhaber)

Wolfgang Wenzlaff seit 1992

Diaconi (nach dem Ersten Weltkrieg: Pfarrstelle II)

Dr. Friedr. Klattenhoff 1902

Max Siemon 1929(-62)

Ludwig Schill 1964

Klaus Herrfurth 1971(-96)

1997 wurden die Pfarrstellen Stephanikirche I u. II und Laurentiikirche bzw. die Gemeinden vereinigt zur Ev. Kirchengemeinde St. Stephani und St. Laurentii.

(Information von K. Herrfurth)

Als sich die Stadt Calbe nach Weltkrieg, Revolution und Wirtschaftskrise in den 1930-er Jahren wieder etwas wirtschaftlich stabilisiert hatte und die Bürger 1936 voller Stolz das tausendjährige Bestehen ihrer Stadt gefeiert hatten, sollte 1939 nach sieben Jahrzehnten eine erneute Restaurierung und Sanierung der Stephanskirche durchgeführt werden. 1938 war begonnen worden, eine neue Heizungsanlage zu installieren (vgl. Teitge, a. a. O., S. 2). In dieser Zeit wurde das Spritzenhaus an der Südostseite der Kirche nicht mehr benötigt, weil 1928 ein großes Feuerwehr-Gebäude an der Arnstedt-Straße erbaut worden war (s. Station 19). Die Tore des ehemaligen Spritzenhauses wurden mit starkem Glas verschlossen und der Anbau zur "Winterkirche" umgestaltet. Der schon 21 Jahre nach dem Ersten seitens der Nationalsozialisten vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg verhinderte das Vorhaben einer erneuten großen Renovierung, bei der ein denkbar "reiner Urzustand" mit möglichst wenig aktuellem Beiwerk hergestellt werden sollte.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte 1945 das bekannte, die Welt grundlegend verändernde Ergebnis, wobei die 41 Jahre DDR-Geschichte zwischen 1949 bis 1990 eine folgenreiche Episode blieben.

Glasbetonfenster von Christof Grüger in der "Winterkirche" (Südanbau am Chorraum)

Erst in den 1960-er Jahren hatte sich nach dem verheerenden Krieg die wirtschaftliche Lage in der DDR und in Calbe so weit stabilisiert, dass man nun - mit drei Jahrzehnten Verspätung - an die Durchführung des großen Renovierungs-Vorhabens von 1938/39 gehen konnte. 1966 wurde nicht nur das 100 Jahre alte neogotische Gestühl weitgehend aus der Kirche entfernt, sondern auch die Orgel von 1869 und die Orgelempore abgerissen. Die alten Farbanstriche verschwanden fast vollständig; die Wände, Kreuzbögen und Säulen wurden weiß gestrichen. Nur an wenigen Rippen ließ man filigrane hellblaue Muster zu (s. Abb. oben). Einige Sandstein-Schlusssteine zeigen noch ihre alten Symbole (s. oben "1.2. Architektur und Ausstattung des Langhauses"), andere wurden - wohl wegen ihres schlechten Zustandes - der Einfachheit halber in eine flache Scheibe umgewandelt. Das Konzept der Schlichtheit, die auf den Betrachter wirken soll, und der Herstellung des möglichst "reinen" Ursprungs-Zustandes ganz im Sinne eines schlichten Protestantismus geht hier wohl bis an die Grenzen des Akzeptablen. Die "Winterkirche" (s. oben) bekam 1979 im Ostgiebel ein von Christof Grüger gestaltetes Glasbeton-Fenster (s. Abb. links).

Nach der friedlichen Revolution 1989 in der DDR und deren Beitritt zur BRD 1990 konnten weitere, dringend notwendig gewordene Renovierungsarbeiten an der St.-Stephani-Kirche durchgeführt werden: 1992 und 1994 die Sanierung des Hauptschiffdaches in den Traufbereichen sowie 1998/99 die Komplett-Sanierung bzw. Neueindeckung des Altarraum-Daches. 1999 wurde auch das bereits mehrfach erwähnte Gewölbe-Imitat im Chorraum frisch verputzt und gestrichen (vgl. Kirchenführer St. Stephani Calbe, Calbe o. J.).

Doch es gibt noch vieles an und in unserer ehrwürdigen Stadtkirche zu restaurieren und zu reparieren. Nachdem die Dächer der Turmhauben und des Turmhaus-Mittelteiles saniert wurden, müssen auch die Türme von Grund auf instand gesetzt werden. Da das  eine gewaltige Geldsumme verschlingen wird, werden alle Calbenser und Freunde Calbes gebeten, für den Erhalt der Stadtkirche zu spenden.

Wenn tatsächlich jemand der horrenden Meinung sein sollte, diese Kirche - wie schon so manches historische Denkmal in der Vergangenheit Calbes - einfach verfallen zu lassen oder ganz und gar abzureißen, dann sollte er sich vorstellen, wie die Stadt ohne sie aussehen und wie trostlos die Skyline des inzwischen 1070-jährigen Calbe wirken würde. Der Verfall und der Abriss der romanischen Basilika in Gottesgnaden Ende des 17. Jahrhunderts war schon entsetzlich genug (s. Station 12). Heute wären wir froh, wenn die ersten Hohenzollern-Könige nicht diesen Fehler begangen hätten. Denken wir auch im Falle unserer - zumindest in einzelnen Teilen - rund tausend Jahre alten St.-Stephani-Kirche an künftige, gewiss wirtschaftlich bessere Zeiten und an unsere Nachfahren, die für die Erhaltung dieses Kleinods dankbar sein werden.