4. Wir gehen jetzt wieder zum Marktplatz zurück. Der älteste noch existierende und bewirtschaftete Gasthof Calbes ist der "Braune Hirsch " mit seinem schönen mittelalterlichen Fachwerk (Markt 13).

Der älteste Gasthof Calbes (oben: Heimatstube)

Er steht im rechten Winkel neben dem Tournier-Haus. Im Obergeschoß ist die Heimatstube der Stadt Calbe untergebracht. Im Mittelalter, als der Begriff "Gewerbefreiheit" noch unbekannt war, gab es keinen öffentlich-gewerblichen Wein- und Bierausschank, und damit auch keine Gasthäuser oder Restaurants im heutigen Sinne, nur Herbergen. Nur der extra dafür eingerichtete Ratskeller hatte das Monopol, das "Cälbische" Bier auszuschenken, eine wichtige Einnahmequelle für die Kämmerei. Das mittelalterliche Bierbrauen war eine existentielle Angelegenheit. Wegen der schlechten hygienischen Bedingungen war Wassertrinken oft lebensgefährlich, und Bier gehörte damals zu den Grundnahrungsmitteln. Bier brauen aber durfte nach der Willkür (selbst gegebene Stadtordnung - vgl. Station 2) von 1451 nur, wer zu den nicht ganz armen Bürgern gehörte, denn er musste mindestens drei Gulden Vermögenssteuer zahlen. Das Brauen war jedem Bürger nur alle neun Wochen gestattet, es sei denn, er bekam vom Rat eine Sondererlaubnis. Einem Stadtbürger war es nicht erlaubt, in der Vorstadt "dar buten in der taverne" Bier zu trinken (vgl. Reccius, a. a. O., S. 27). Bier wurde im häuslichen Kreise, auch mit Knechten, oder im Ratskeller getrunken. Seit 1581 gab es eine gewisse Ordnung bei der häuslichen Brauerei. "Damit nun alles ordentlich mit dem Brau-Wesen zugehen möge, so darf itzo nicht ein jeder, wie vielmal er will und wie viel Bier er loswerden kann, brauen und in seinem Wohnhause, wie ehemals geschehen, es verrichten, sondern es hat Bürgermeister Döring Anno 1581 das Reihe-Brauen nach der Ordnung veranlasset; und sind drei Klassen gemacht, nach welcher ein jeder Brauer seine Reihe und Zahl des angezeichneten Namens muss erwarten. Jedoch stehet einem jeden frei, sein Brauen, wenn er etwa mit dem Malz noch nicht fertig, eine[m] andern zu verkaufen oder zu vermieten und ein gewisses Geld dafür zu nehmen." (Hävecker, a. a. O., S. 77, angepasste Rechtschreibung). Das Malz wurde mit dem Rats-Scheffel gemessen, dann zur Mühle gebracht, in einen speziellen Malzkasten geschüttet und danach geschrotet. Der Ratsscheffel war ein vom Rat geeichtes Hohlmaß, dessen Größe von Stadt zu Stadt durchaus variieren konnte. Ein preußischer Scheffel entsprach rund 55 Litern. Die fürstlichen Beamten durften zwar auch auf dem Schloss

Blick in ein Ausstellungszimmer der Heimatstube

Bier brauen, jedoch nichts davon über die Straße verkaufen, da sie nicht zur städtischen Brauergemeinschaft gehörten (vgl. Reccius, S. 58). 1684 gab es in Calbe 116 Familien, also weniger als die Hälfte der Gesamtzahl, die brauberechtigt waren (vgl. ebd., S. 62). Das Brauen war weniger eine gute Tat für die Gemeinschaft, als vielmehr eine nicht unerhebliche persönliche Gewinnquelle. Eine bedeutende Neuerung war die Einrichtung des Innungs-Brauhauses neben der Mühle (vgl. Station 3) in den 1680er Jahren. 1684 war es noch im Bau, ein Ratmann kaufte Braugefäße von Christoph Deutschbeins Erben und bestellte Bottiche in Aken. In diesem Gemeinschafts-Brauhaus konnten nun die Brauberechtigten mit besserer Technologie brauen (vgl. Reccius, S. 62). Wo nun das "allgemeine Brauhaus" stand, war im Mittelalter das Brauwasser mit großer Mühe und viel Unkosten aus der Saale befördert worden. Besonders zur Winterzeit war das ein gefährliches Unterfangen, als mit Pferden und Wasser-Kufen das kostbare Brauwasser herangeholt werden musste. Nun wurde das Saalewasser mittels einer Pumpe und einem Rohrsystem in die Braupfanne geleitet. Das Brauhaus besaß zwei Pfannen, verschiedene Bottiche und Kühlfässer. Es konnte sowohl normales Gebrauchs-Bier ("Cälberei") als auch "Breyhan", eine Starkbier-Variante hergestellt werden. Das Brauen von Breyhan wurde 1655 durch den Kämmerer Arnold Steinhaus(en) eingeführt. Das Rezept ging aber auf Hans von Sode aus Hannover im Jahre 1526 zurück. Steinhausen hatte einfach versucht, das beliebte Breyhan nachzubrauen, und der Versuch gelang; Patentschutz gab es noch nicht.

Die adlige Familie Steinhausen (vgl. Hävecker, S. 58), aus der Bergischen Ritterschaft stammend, war gewissermaßen durch die Reformation in die Calbesche Gegend gekommen. Der Stammvater der Barbyer und Calber Patrizierfamilie, die hier rund 250 Jahre wirkte, war Werner Steinhausen (1504 - 1588), ein entlaufener Kölner Mönch, der sich der neuen Lehre verschrieben hatte. Er studierte seit 1533 bis (wahrscheinlich) 1545 "gratis" an der Quelle des Protestantismus, in Wittenberg, Theologie.

Werner Steinhausen (nach: Gemälde von 1588 in der St.-Johannis-Kirche in Barby - Reproduktion von Familie Steinhausen aus Schwerin)

Nach einer Zeit als Lehrer an der Stadtschule in Magdeburg (noch während des Studiums) wurde Werner Steinhausen 1540 Rektor der Lateinschule in Quedlinburg, erwarb in Wittenberg 1545 die Magisterwürde und wurde durch den Reformator Johannes Bugenhagen (Pomeranus) (1485-1558) ordiniert. Er wohnte aber schon seit 1543 in Barby, weil sich die sächsische Grafenfamilie für ihn interessierte. Im gleichen Jahr 1545 erfolgte die Berufung zum Hofprediger zu Barby und in den 1560er Jahren zum dortigen Ersten Superintendenten. 1578 erhob der Barbyer Graf den Steinhausen-Hof in Barby, Magdeburger Straße 11, zum Freihof.

Philipp Melanchthon (nach:  Gemälde von L. Cranach d. J. 1568)

Werner Steinhausen war ein Freund des bedeutenden Reformators Philipp Melanchthon (1497-1560). Wie wir aus einem Brief von 1539 wissen, hatte der große Reformator dem entlaufenen Mönch und mittellosen Theologie-Studenten Steinhausen 1539 zu einem Stipendium von dessen Landesherrn Herzog Wilhelm V. (der Reiche) von Kleve-Jülich-Berg (Regierung 1539-1592) verhelfen wollen, was allem Anschein nach gelang. Herzog Wilhelm war der lutherischen Lehre sehr zugetan, allein schon um der katholischen habsburgischen Krone das wirtschaftlich aufblühende Herzogtum Geldern abzuringen. Melanchthon baute auf Wilhelm V.  nicht nur als Geldgeber für lutherische Studenten, sondern auch als "Vorposten" des Protestantismus im Westen des Reiches. Auch noch 20 Jahre später finden wir Melanchthon in der Funktion des Bittstellers für protestantische Studenten und Wilhelm in der Rolle des großzügigen Förderers (Briefwechsel in Fotokopien bei der Familie Steinhausen aus Schwerin, nach Materialien der Melanchthon-Forschungsstelle Heidelberg).

Als Freund Melanchthons war Steinhausen auch in den Adiaphoristischen oder Flacianischen Streit involviert.

Im Leipziger Interim sollte 1548 ein Kompromiss zwischen der katholischen und der evangelischen Seite in Fragen der Sakramente herbeigeführt werden. Das Kompromisspapier war zum überwiegenden Teil von Melanchthon verfasst worden. Der ehemalige Schüler des Reformators, der Kroate Matija Vlacic, ein begeisterter Anhänger der neuen Lehre, nannte sich als Gelehrter Matthias Flacius (1520-1575) – und nach seiner Heimat Illyricus. Er, der bescheiden und voller Achtung an seinen verehrten Lehrer Melachthon schrieb, vertrat die Meinung, dass man in Sachen des Evangeliums keine Kompromisse machen könne. „In Sachen der Konfession gibt es kein Adiaphoron (keine Belanglosigkeit)“, war seine orthodoxe Meinung, wobei er auf die Richtlinien Luthers verwies. Während sich auch die katholischen Geistlichen erbittert gegen den Kompromiss wehrten, drohte das protestantische Lager ebenso an der Sakramentenfrage auseinanderzubrechen.

Der treue Duz-Freund und Verehrer Melanchthons, Werner Steinhausen, versuchte nun, zwischen den beiden protestantischen Parteien, den orthodoxen Flacianern und den kompromissbereiten gemäßigten Philippisten zu vermitteln. Dass sich der von Melanchthon "hochgeschätzte..., teuerste Bruder... Werner" in seiner Vermittlerrolle auch den Flacianern angenähert hatte, enttäuschte den großen Reformator. Gleichzeitig aber sah er in ihm denjenigen, der "zur Einheit der Gemeinden und zum öffentlichen Frieden" aussöhnen könnte (vgl. Briefwechsel..., ebenda).

Werner Steinhausen versuchte auch, wie Hävecker berichtete, einem Pfarrer aus Calbe, Magister Dionysius Dragendorff, den man des Sakramentierertums beschuldigte, zu helfen.

Die von Martin Luther (1483-1546) als Sakramentierer beschimpften Ulrich Zwingli (1484-1531) und Johannes Oekolampad (1482-1531) hatten eine antisakramentale, symbolische Auffassung des Abendmahls, während Luther und Melanchthon auf der leiblichen Gegenwart Christi beim Abendmahl  beharrten. In der folgenden Zeit war es leider Brauch geworden, dass die orthodoxen Protestanten schöpferische Geistliche, die das Luthertum weiterentwickeln wollten, aber auch unliebsame Konkurrenten als Sakramentierer, Calvinisten, Krypto-Calvinisten o. ä. diskreditierten.

Der bei den Calbensern beliebte Pastor Dragendorff war von dem Akener Pfarrer Dux beim Schlosshauptmann Melchior von Wellen denunziert worden. Die Magister Werner Steinhausen aus Barby und Abraham Ulrich aus Zörbig  traten als Zeugen für Dragendorff auf, die Anklage wurde abgeschlagen. Da mischte sich der Administrator Joachim Friedrich von Brandenburg (Regierung 1566 – 1598) (vgl. Geschichte im Überblick, 4. Abschnitt) ein und befahl trotz einer nochmaligen Anhörung in Jüterbog und der Beteuerung von "Rat und Bürgerschaft zu Calbe,... daß er in der Lehre rein sei", die Entlassung Dragendorffs. Der Beschuldigte bekam eine Anstellung als Pfarrer im benachbarten anhaltinischen Nienburg. An seine Stelle in Calbe hatte der Administrator 1581 den orthodoxen Pfarrer Adam Crato aus Staßfurt gesetzt. Dieser neue Pfarrer aber fühlte sich dazu berufen, die zur Reform neigenden anhaltinischen Theologen herauszufordern (vgl. Hävecker, S. 55f.). Wie die Theologenfehde unter Aufsicht des Administrators weiter ging, lesen Sie bitte auf dieser Seite weiter unten bei der "sprechenden" Hausmarke.

Auch ein Sohn Werner Steinhausens, Magister Matthias Steinhausen (1541 - 1593), seit 1566 Diakon in Calbe, hatte nun unter den Attacken Cratos zu leiden. Steinhausen wohnte in Calbe zuerst in der Ritterstraße 2 (neben dem Rittergutsgebäude - vgl. Station 8) und später in der Breite 43 (vgl. Station 18) bei seinem Schwiegervater Stock. Er hatte Anna Stock, die Tochter des Bürgermeisters Lorenz Stock, geheiratet. Sehr vereinfacht ausgedrückt, war ein Diakon damals ein Gehilfe und Stellvertreter des geweihten Pastors und wollte selbst einmal Pastor werden. Wie Hävecker klagte, hatten Diakone schlechte Unterkünfte und Gehälter (vgl. Hävecker, S. 58). Bei Matthias Steinhausen war das aber dann doch etwas anders. Er war, wohl aufgrund der Verdienste seines Vaters und seiner adligen Herkunft, schnell in das städtische Patriziat aufgenommen worden. Den Stand des Geistlichen hatte er in den 1580er Jahren wegen Streitigkeiten mit den orthodoxen Lutheranern, speziell mit Adam Crato, aufgegeben (s. weiter unten: Streit mit Pfarrer Crato). Matthias Steinhausens  Sohn Werner und dessen Sohn Werner wurden Pfarrer in Oschersleben bzw. Glöthe.

Seit 1603 finden wir als Ratsmitglied Ernst Steinhausen (1568 - 1626), einen Halbbruder von Matthias Steinhausen (Werner hatte nach dem Tod seiner ersten Frau ein zweites Mal geheiratet), der ebenfalls eine Bürgermeisterstochter aus Calbe (Tochter von Arnold Nauschütz) geehelicht hatte. Ein Sohn von Matthias Steinhausen, Johannes, war 1617, ein Jahr vor seinem frühen Tod, Ratsmitglied. Auch er hatte die Tochter eines Patriziers, des späteren Bürgermeisters Michael Hartmann geheiratet. Und die Steinhausen-Töchter mussten ebenfalls tatkräftig zur Festigung der städtischen Oberschicht beitragen. Sie heirateten in bedeutende Familien des Calbeschen Patriziats ein, wie z. B. Pflugmacher, Stock oder Belau (Below). Der oben erwähnte "Nacherfinder" des Breyhans, Arnold Steinhausen (gestorben 1688), tauchte seit 1632 als Ratsmitglied, meist als Kämmerer, auf. Nach 1649 zog er sich von der Politik zurück und widmete sich wohl dem Brauerei-Geschäft. Dafür übernahm sein Sohn Ernst von 1653 bis 1659 den Ratskämmerer-Posten. 1740 starb der Ratsherr Georg Henrich Steinhausen (vgl. Reccius, S. 74). Danach müssen sich die Steinhausens ganz, jedenfalls in der Öffentlichkeit, aus der Ratspolitik zurückgezogen haben. Ihre umfangreichen Lehens-Güter besaßen sie weiterhin. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts findet man sie in Calbe als Bäcker, Brauer, Tuchmacher und Landwirte (nach den freundlicherweise von der Familie Steinhausen aus Schwerin zur Verfügung gestellten umfangreichen genealogischen Unterlagen).


Zurück zum Calbeschen Brau-Wesen!
Hävecker versicherte, das Calber Bier sei schon so gut, dass es in Farbe und Qualität dem Breyhan sehr nahe komme. Es wärme, entspanne und nähre und habe einen beachtlichen Alkoholgehalt, "wiewohl auch derjenige, so ein wenig zu viel zu sich nimmet, zumal wenn er aus dem Hause und [der] Stube in die freie Luft kommet, gern schwärmet, jauchzet und schreiet..." (Hävecker, S. 77, angepasste Rechtschreibung). Auch gegen Wassersucht und Steine sei dieses Bier berühmt. Der Herr Magister fügte schließlich auch eine eigene Übersetzung eines lateinischen Gedichtes bei:

"Was den schwachen Magen wärmt, und daneben sanft laxiret [entspannt],
Was den Durst auch leichtlich stillt und dem Matten Kraft zuführet,
Will man lassen judiziern [überprüfen], ob auch irgend oder hier,
Bessers und gesünders sei, als das Cälb´sche Saalen-Bier."
(Ebenda.).


Im Laufe der Zeit war es üblich geworden, dass die Wohlhabenderen unter den Brauberechtigten den Ärmeren das Baurecht, wenn diese an der Reihe waren, abkauften. Es kam dadurch zu einer weiteren Bereicherung der Reichen und zu einer gewissen Monopolbildung (vgl. Reccius, S. 59). Das sollte durch einen Beschluss des Rates von 1713 unterbunden werden: Jeder der Brauberechtigen durfte im Jahr nur achtmal brauen (vgl. ebenda, s. 67).
Zur Zeit der Napoleonischen Besatzung wurde auch das Brauerei-Innungswesen in Calbe beseitigt, und 1843 wurde das "allgemeine Brauhaus" in ein Gefängnis "umfunktioniert".
 

Erst seit dem 17. Jahrhundert gab es in Calbe Gasthöfe, der erste war der "Braune Hirsch". Das Hausgrundstück Markt 13 (alte Zählung Nr. 370) lässt sich weit zurück verfolgen. Es gehörte 1584 einer Witwe Ruchfleck. Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag das Haus wüst, aber schon 1652 erwarb es der ehemalige "Wirt vorm Schloßtor", Jacob Brösel, und baute es wieder auf. Der Rat, der am schnellen Wiederaufbau der vielen wüsten Häuser (vgl. Station 6) stark interessiert war, gestattete Brösel ein Freibrauen (vgl. oben), um ihm die Bau-Finanzierung zu erleichtern. 1653 war der neue Gasthof fertig, und im Mai des gleichen Jahres wurde er eröffnet. Bei umfassenden Rekonstruktionsarbeiten am gesamten Gasthof-Komplex kamen in der Schankstube gut erhaltene Trägerbalken mit naiv-barocken Motiven  aus dieser Zeit zum Vorschein. Der hintere (westlichere) enthielt auch einen Sinnspruch in Barock-Fraktur (s. Abb. unten). 2003 kann also der "Braune Hirsch" auf 350 Jahre Schankbetrieb zurückblicken. (Der Name für diesen Gasthof taucht allerdings erst später auf. Damals nannte man Brösels Ausschank das "Haus am Markt... mit Hof und Ställen".) 1669 stand dieser Gasthof vor dem Ruin, weil Deutschbeins zwei Gasthöfe, der "Goldene Engel" in der Bernburger und der "Goldene Stern" in der Schloss-Vorstadt (Schlossstraße 83) eine erdrückende Konkurrenz darstellten. Um 1675 erholte sich der Markt-Gasthof und hatte seit dieser Zeit den Namen" Brauner Hirsch" (nach: Recherchen von Klaus Herrfurth).

Dieser Decken-Balken, bei Rekonstruktionsarbeiten 2002/03 im "Braunen Hirsch  gefunden, stammt wahrscheinlich noch von 1653. Die Inschrift in Barock-Fraktur lautet: "Daß ist die beste Einigkeit Wen hertz undt mund oberein Sindt allezeit    Rede mund was warr ist und Iß was gahr ist und Tringt was Klar ist" (Dieser Spruch scheint damals sehr populär gewesen zu sein, man findet ihn auch in der alten Gaststätte "Roter Hirsch" in Jena. Die Substantiv-Großschreibung setzte sich erst ein halbes Jahrhundert später durch, damals erfolgten Großschreibungen intuitiv)

Als Gasthof durfte man in der frühen Neuzeit nur eine Gaststätte bezeichnen, wenn sie eine geräumige Toreinfahrt und einen großen, wie der Name schon sagt, Hof besaß. Alle anderen nannte man bestenfalls Herbergen. Gasthöfe waren quasi die Motels der Barockzeit. 1682 besaß der Bürgermeister Henning Hellmann den "Braunen Hirsch", der Wirt war August Hoffmann (vgl. Reccius, S. 62). Trotz besonderer Privilegien, wie das Recht des Ausspannens und die Beherbergung der angeworbenen Soldaten (vgl. Dietrich, Ein Gang..., S. 13), gingen die Geschäfte weiterhin sehr schlecht. 1727 beklagte sich die Wirtin des "Braunen Hirsches", dass sie kaum Gäste habe, weil die Gasthäuser in den Vorstädten eine zu große Konkurrenz darstellten.

Verputztes Fachwerkhaus Markt 12 mit hohem Krüppelwalmdach von 1653

Neben dem "Braunen Hirsch" steht ein 1653, - also im gleichen Jahr wie der "Braune Hirsch" - , wieder aufgebautes (verputztes) Fachwerkhaus mit hohem Krüppelwalmdach (Markt 12, s. Abb. rechts). Es gehörte damals dem Kaufmann Christian Müller und war vordem durch den Dreißigjährigen Krieg auch wüst gewesen.

Im 18. Jahrhundert kam auf dem Marktplatz noch ein weiterer zentraler Gasthof hinzu, das "Weiße Roß" an der Westseite des Marktes (Haus Nr. 11), das spätere Gasthaus "Zur Sonne" mit dem ansprechenden Neorenaissance-Portal. Hier hatte schon im 16. Jahrhundert ein Haus gestanden. 1783 hatte Andreas Weber, ehemaliger Reiter im Leibregiment (vgl. Station 18), das Bürgerrecht in Calbe und das "Weiße Ross" am Markt 11 erworben (vgl. Reccius, S. 81). 1818 kaufte der Gastwirt Immermann das Grundstück und richtete dort das Gasthaus "Zur Sonne" ein (vgl. ebenda, S. 85). Eine an diesem Haus vorhanden gewesene Attika über der Dachtraufe ist aus Zweckmäßigkeitsgründen entfernt worden (vgl. Heiber, a. a. O., S. 24). Noch heute heißt der schmale Durchgang neben dem Haus Nr. 11 die "Sonnengasse".

 

Haus Markt Nr. 11 - das ehemalige "Weiße Ross", später "Zur Sonne"

Markt 11, "Hotel zur Sonne" um 1920 (nach: Mieterinformation der Calbenser Wohnungsbaugesellschaft mbH, Calbe 2002, S. 12.)

Nr. 11, Neorenaissance-Portal (Mitte 19. Jahrhundert)

Reliefstein über der Tür des Optikergeschäftes, eine so genannte sprechende Hausmarke (s. Erklärung unten)

Der Reliefstein von 1597 (Bild oben rechts) über der Tür des Optikergeschäftes ist eine so genannte sprechende Hausmarke, die in der Form eines Bilderrätsels den Namen des Besitzers verrät: Der Pfarrer Adam Crato leitete sicherlich seinen Namen von Pancratius (Allgewaltiger, Allesbeherrscher) ab; deshalb die Abbildung von Simson, dem Löwenbezwinger, mit den Initialen A. C. und der Zahl 1597 (vgl. Reccius, Chronik ..., S. 40). Zahl und Initialen sind heute nicht mehr zu entziffern. 1594 wohnte in diesem Hause der durch seine lutherisch-orthodoxe Haltung und durch seine polemische publizistische Tätigkeit bekannt gewordene Calber Pfarrer Adam Crato (vgl. Reccius, S. 40). Crato war, bevor er 1581 vom Erzbischof nach Calbe befohlen wurde, Pfarrer in Staßfurt gewesen (vgl. Hävecker, S. 55). 1587 erwarb er das Bürgerrecht, damit seine Kinder als Bürger aufwachsen konnten (- als Pfarrer hätte er das nicht gemusst). In seiner Hausmarke präsentierte sich Crato als Kämpfer; er hatte auch tatsächlich im Streit mit anhaltinischen Theologen Partei ergriffen für die lutherische Auffassung von der Kindtaufe. Er hing der Theorie und Praxis an, bei Säuglingen vor der Taufe das Böse auszutreiben (Exorzismus).

Auch in dieser Frage hatte sich der Protestantismus gespalten. Die Vertreter der lutherisch-orthodoxen Linie beriefen sich auf Luthers "Taufbüchlein" mit der Exorzismusformel:
„Ich beschwöre dich, du unreiner Geist, bei dem Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geists, das du ausfahrest und weichest von diesem Diener Jesu Christi ....“ Grundlegend war dabei die Vorstellung, dass der Teufel im Herzen von jedem Menschen wohne und somit bei der Taufe ausgetrieben werden müsse. Die Reformatoren Zwingli (s. oben) und Calvin dagegen lehnten jede Art von Taufexorzismus ab. Der Pietismus aber zögerte mit seiner Beseitigung. Auf evangelischer Seite verschwand der Taufexorzismus erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert völlig. In der katholischen Kirche, im deutschsprachigen Raum, wird in der Taufliturgie seit 1969 auf die Dämonenaustreibung verzichtet (vgl. Wüthrich, Christian, Denn solchen gehört das Himmelreich. Zum Umgang mit Kindern am Beispiel des Markus-Evangeliums, Bibel-theologische Diplomarbeit Basel 2002, S. 58f.).

Calbe bildete sich immer mehr zu einer Hochburg des Pietismus heraus (vgl. Station 7 [Hävecker und Reimmann]), und das zeichnete sich schon Ende des 16. Jahrhunderts mit dem Streit Cratos um den Taufexorzismus ab. Während in den anhaltinischen Fürstentümern der Taufexorzismus abgeschafft worden war (vgl. Hävecker, S. 56), kämpften die Theologen im Magdeburger Land um die "Rettung des Tauf-Büchleins Lutheri". Auslöser war das Buch der anhaltinischen Theologen gegen den  Braunschweiger Superintendenten Dr. Polycarp Lyser, einen Hauptverfechter des Taufexorzismus, mit dem Titel "Gründlicher Beweis, daß der Exorzismus bei der heiligen Taufe wider die fürnehmsten Haupt-Stück des Catechismi streite..." Da mischte sich plötzlich Adam Crato mit einer umfangreichen Schrift für die Beibehaltung der Zeremonie ein. Wutentbrannt antworteten 1590 die Anhaltiner  in einer "Protestation wider das untheologische Lästern und Schelten des Pfarrers zu Calbe" und gleich darauf der Angegriffene mit einem an "Heftigkeiten" reichen "Responsum", worauf die anhaltinische Seite Crato noch schärfer angriff. Da verbot der Magdeburger Administator Joachim Friedrich Crato eine Weiterführung des Streites und wandte sich 1591 zweimal eindringlich an sein Mündel Johann Georg von Anhalt-Dessau (1567 - 1618), er solle seinen Theologen untersagen, die Kontroverse auszuweiten. Immerhin sei dieser Streit dergestalt politisch brisant, dass "nicht eine fernere Weiterung daraus entstehen möchte" und "nicht etwa von etlichen Leuten, denen es eben um den Exorzismus allein nicht zu tun sein möchte, unter solchem Schein der Calvinismus  in seinem [Johann Georgs - D.H.St.] Lande zum großen Ärgernis heimlich eingeführet, die Leute darüber verfolget und also daher mehrere beschwerliche Ungelegenheit entstehen möchte usw." (Ebenda, angepasste Rechtschreibung.) Daraufhin betonte auch der junge Fürst (Regierung als Johann Georg I. seit 1603) ergeben, den Ermahnungen des Herrn Administrators gewissenhaft zu folgen. An den vom Chronisten Hävecker (vgl. Station 7) in diesem Zusammenhang gebrauchten Epitheta kann man erkennen, dass er als Pietist die Auffassungen Cratos und Lysers teilte.

1566 war Matthias Steinhausen Diakon in Calbe geworden (s. weiter oben: Steinhausen-Familie); seine Ordination erfolgte 1569 (nach Unterlagen von Klaus Herrfurth bei Familie Steinhausen, Schwerin). Er hatte also schon sein Amt als "zweiter Pfarrer" unter dem bedeutenden "Pionier der Reformation" Leonhard Jacobi (vgl. Station 20) und unter dem als Sakramentierer verdächtigten Dionysius Dragendorff (s. weiter oben), dem schon Matthias´ Vater Werner Hilfe zuteil werden ließ (s. weiter oben),  ausgeübt. Als Crato 1581 als Pfarrer nach Calbe kam, muss ihm wohl recht bald dieser Diakon suspekt gewesen sein. Er klagte Matthias Steinhausen des Calvinismus an, und eine Kommission, bestehend aus verschiedenen Pfarrern und dem Amtshauptmann Melchior von Arnstedt, untersuchte den "Fall". Die Herren fanden einige Mängel in der lutherischen Haltung des Angeklagten, schlossen mit ihm jedoch- wohl mit Rücksicht auf seine Familie -  einen Vertrag, in dem er zusichern musste, künftig keinen Anlass mehr zur Kritik zu geben. Wahrscheinlich fand Crato erneut bei dem Diakon Anzeichen einer subversiven calvinistischen Haltung, denn bald tagte erneut eine Kommission wegen Matthias Steinhausen. Der Amthauptmann und der Stadt- und Landrichter vernahmen Bürgermeister, Lehrer und andere glaubwürdige Zeugen, die alle für den Angeklagten aussagten. Wieder kam es zu einer Ermahnung. Bald aber scheint Steinhausen der Feindseligkeiten seines "Vorgesetzten" Crato überdrüssig geworden zu sein, oder aber er wurde aus dem Diakonatsamt entlassen, denn er tauchte in den Listen der Geistlichen seit den 1580er Jahren nicht mehr auf (nach Unterlagen von Klaus Herrfurth bei Familie Steinhausen, Schwerin). In Calbe aber blieb man auf der von Crato eingeschlagenen lutherisch-orthodoxen Linie, bis schließlich der Pietismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, auch wenn er noch an der lutherischen Taufzeremonie festhielt, neue Pfade der Verinnerlichung des Glaubens und damit auch der Lösung vom starren Wort-Dogmatismus ging. 

 

Die Stadtapotheke befindet sich links neben dem schmalen Durchgang zum Kirchplatz gegenüber dem Rathaus und ist jetzt als Apotheke zweihundertdreivierzig Jahre alt.

Über die Geschichte des Apothekenwesens in Calbe von den belegbaren Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Grundlage der Veröffentlichung von Karl Beyer "Die Geschichte der Apotheken und des Apothekenwesens im Kreis Schönebeck", Halberstadt 1987, mit Recherchen und Zuarbeiten von Klaus Herrfurth und Hanns Schwachenwalde, hier einige interessante Daten:

Apotheke um 1500

Das Apothekenwesen entstand im 9. Jahrhundert in den arabischen Ländern aus einer altorientalischen priesterlichen Tradition. Mit den Kreuzzügen kam auch die Alchimie nach Europa, wo sie später zur Chemie wurde. Die Herstellung von Arzneimitteln und die Einrichtung von Apotheken wurden von Kaiser Friedrich II. erstmalig im Edikt von Salerno 1240 angeordnet.
 

1584/85 und 1594/95 wird in den Calbeschen Ratsakten von einem Apotheker bzw. einer Apothekerin berichtet. Frühere Quellen geben keinen Hinweis auf eine Apotheke in unserer Stadt. Es darf also angenommen werden, dass hier das Apothekenwesen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Einzug hielt. Als erster genauer zu verifizierender Calber Apotheker gilt ein Georg Gritzner (auch: Gritzmann oder Greitzmann), der von "Poppesdorf" ??? hierher gezogen war und eine Schönebecker Pfarrerswitwe geheiratet hatte.

1624 (22.5.) erhält der Apotheker Johann Jäger das Bürgerrecht in Calbe.

1625 bis 1632 fehlen, durch die Aktenvernichtungen im Dreißigjährigen Krieg, alle städtischen Quellen. Auch in den folgenden Jahren ist weder von einem Apotheker noch von einer Apotheke die Rede.

1662 regt der Rat der Stadt Calbe die Neugründung einer Apotheke an. Der Apotheker Jeremias Blum(en)stengel aus Halberstadt, Sohn einer alten Zeitzer Ratsfamilie, wird von zwei Bürgermeistern hierher gerufen.

1663 darf Blumstengel spanischen und Kirchwein vertreiben, aber der Bader macht ihm mit dem Ausschank dieser Produkte Konkurrenz.

Altes Apothekenregal (nach: Beyer, Die Geschichte der Apotheken ..., a. a. O., S. 9)

1664 (17.10.) bittet Blumstengel den Administrator des Erzstiftes Magdeburg um die Ausstellung eines Privilegs, weil „allerhand Pfuscher und Winkelärzte, teils Weiber, teils Männer, so niemals ein Kraut recht kennen, viel weniger mit Wissenschaft einen Löffel zur Medizin waschen können“, seiner Apotheke, die er mit großen Investitionen (einen großen Teil von 300 Gulden) aufgebaut habe, solchen Schaden zugefügt hätten, dass er bald ruiniert sei. Er droht mit seinem Weggang, wenn er nicht durch die Obrigkeit vor den Scharlatanen geschützt werde. Sein Privileg wird ihm erteilt.

1672 (22. März) lässt sich das erste Apothekengrundstück in Calbe verifizieren: Blumstengel zahlt für sein Haus Bernburger Straße 94 Steuern.

1675 beschwert sich Blumstengel wiederholt, weil trotz seines Privilegs verschiedene Kaufleute und Bader Artikel verkauft haben, die eigentlich in seine Apotheke gehörten.
1677
geht Blumstengel nach Barby, wo er herzoglich-sächsischer Hofapotheker wird. Sein Calber Apotheken-Privileg bekommt Christoph Adam Eberhard, Pfarrerssohn aus Seifertsdorf bei Eisenberg, der lange Jahre Apothekergeselle in Groß Salze und vorher zu Breslau gewesen ist.
1680
stirbt Adam Eberhard und seine Witwe heiratet am 12. April 1681 den aus Dennstedt in Thüringen kommenden Sohn eines dortigen Ratsherrn, den Apotheker Tobias Mentzmann.
1682
ist in dem Apothekengrundstück Bernburger Straße Nr. 94 der Apotheker Mentzmann zu finden.
1683
(27.2.) wird Tobias Mentzmann Bürger der Stadt Calbe. Er stellt in seiner Apotheke Gesellen an.

1689 achtet der Rat der Stadt Calbe, wie wir aus einem Vertrag mit einem Arzt wissen, darauf, dass eine ärztliche Aufsicht über die Apotheke gegeben war. Der Stadtphysikus (Arzt) Below soll den Apotheker daran erinnern, dass er stets die notwendigen und richtigen Arzneimittel vorrätig habe und die nicht mehr brauchbaren vernichte. Außerdem war der Arzt verpflichtet, die Apothekerlehrlinge und -gesellen gebührend zu examinieren, ob sie "genügend Wissenschaft" für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit besaßen.

1698 berichtet der Stadtphysikus Schubert dem Rat, er habe die Apotheke „visitiert und alle Arzneien wie auch andere Sachen in gutem Stande befunden".

Alte Offizin (Verkaufs- und Rezepturraum) in der Calbeschen Ratsapotheke (nach: Beyer, Die Geschichte der Apotheken ..., a. a. O., S. 10)

1699 wird Mentzmann regelmäßig als Apotheker bezeichnet. 1700 rückt er in den Rat der Stadt auf, bleibt aber auch weiterhin Apotheker.

um 1707 eröffnet der Apotheker Jacob Ludwig Fischer, gebürtig aus Köthen, eine zweite Apotheke in der Querstraße (heute: Wilhelm-Loewe-Straße) Nr. 44 (bei Reccius Nr. 45 - vgl. S. 71) mit einer Konzession der Königlich-Preußischen Kriegs- und Domänenkammer zu Magdeburg. Dieses Grundstück befand sich gleich neben dem alten Schulhaus (vgl. Station 7).

1708 stirbt Mentzmann, die Apotheke in der Bernburger Straße 94 übernimmt sein Stiefschwiegersohn, der Apotheker Christian Radick (auch: Radecke, Ratke) aus Gülzau in Hinterpommern.

1719 (12.3) kaufte Radecke dann aber laut Kaufbrief von den Erben des Kaufmanns Rösener das Grundstück Schlossstraße 111 (heute Ecke Schlossstraße/Wilhelm-Loewe-Straße), das nun für einige Jahrzehnte Radeckes Apotheke beherbergte. Es soll ein Konkurrenzdruck auf die direkt gegenüber liegende Königlich-Preußische Apotheke (siehe um 1707) ausgeübt werden.

1725 erwirbt der aus Barby stammende Apotheker Johann Caspar Reckleben, der 1721 Jacob Ludwig Fischers Stieftochter geheiratet hatte, das Bürgerrecht in Calbe. In diesem Jahr überträgt ihm offenbar sein Stiefschwiegervater Fischer die königlich-preußische Apotheke in der Querstraße 44 bzw. 45, s. um 1707).

1733 überträgt der Rat dem Ratsapotheker Radecke, weil damals kein Stadtphysikus vorhanden war, für jährlich 12 Taler das Kurieren der Armen im Hospital und ihre Versorgung mit Medikamenten.

Gebäude der Apotheke von 1662

1735 stirbt der königlich-pivilegierte Apotheker Reckleben aus der Querstraße 44. (1744 stirbt sein Stiefschwiegervater Fischer.)

1736 verheiratet sich Lic. med. (Lizentiat der Medizin, entspricht etwa dem heutigen Diplom-Mediziner) Carl Hake, Sohn eines Gutsverwalters zu Pernewitz und Paaren bei Nauen, mit der Witwe des „Königlich-Preußischen" Apothekers Reckleben. Hake führt die Apotheke in der Querstraße 44 in den folgenden Jahren. Gleichzeitig strebt er aber auch nach einer medizinischen Praxis.

1737 wird Hake dann auch tatsächlich als "Med. Practicus" bezeichnet.

1741 ist der „Lic. Medicinae" Hake Calber Oberbürgermeister. Er schließt seine Apotheke Querstraße 44 und verkauft !!! das königlich-preußische Privileg an den Ratsapotheker, dessen Apotheke Schlossstraße 111 der seinen gegenüber liegt. Der beabsichtigte Konkurrenzdruck (siehe 1719) durch die Ratsapotheke ist wohl zu groß, und die Arbeit als Mediziner und Oberbürgermeister wird Hake ausgereicht haben. Damit endet die Geschichte der „zweiten Apotheke" in Calbe.

1743 (8.9.) stirbt Christian Radecke, und Otto Vollsack übernimmt die nun konkurrenzlose Ratsapotheke. Er stammt aus Hannover und wird am 19. Dezember 1744 mit 32 Jahren Bürger in Calbe. Als „vom Hochlöblichen Ober Collegio Medico legitimirter und approbirter Apotheker hieselbst" heiratet er am 12. Januar 1745 Radeckes Tochter.

1760 verlegt Vollsack die Ratsapotheke (mit den erkauften königlich-preußischen Privilegien) von der Schlossstraße 111 auf das Grundstück Markt 5, wo sie sich noch heute befindet.

Stadtapotheke, die alte "königlich-preußisch-privilegierte" Ratsapotheke von 1760

Die Stadtapotheke kann also auf ein Alter von mehr als 240 Jahren zurückblicken.

1769 (29.10.) stirbt Vollsack an der Wassersucht im 57. Lebensjahr. Die "Königlich-Preußische" und "Ratsapotheke" am Markt Nr. 5 übernimmt sein Schwiegersohn, der „Doctor und Practicus der Medicin" Johann Lebrecht Gotthold Ritter. Er war der Sohn eines hohen anhaltisch-zerbstischen Gerichtsbeamten aus Mühlingen und betrieb die Apotheke neben seiner Arzt-Praxis.

1783 ist Johann Ernst Sachse „der Provisor aus der hiesigen Apotheke". Dr. Ritter hatte also einen nicht selbständigen, aber staatlich geprüften Apotheker angestellt.

Um 1790 übernimmt der Sohn Dr. Ritters, Johann Otto Leberecht Ritter, als „Königlich privilegierter" Apotheker die Apotheke Markt 5.

1799 (30.11.) ist in den Ratsakten von der „Ritterschen Löwen-Apotheke" die Rede, sie wird von einem Provisor (= nicht selbständiger, aber staatlich geprüfter Apotheker) geführt.

1802 wird der aus Barby stammende Christian Zimmermann als „königlich-privilegierter Apotheker allhier" bezeichnet.

1807 werden durch Gesetz König Jeromes von Westfalen alle königlich-preußischen Privilegien außer Kraft gesetzt. Seitdem wird auch die Apotheke in Calbe als Einrichtung mit Realkonzession behandelt und „gehandelt".

1810 stirbt Dr. Ritter; sein Sohn Johann Otto Leberecht Ritter ist schon vorher aus Calbe weggezogen und hat die Apotheke verkauft (siehe 1802).

1818 versteuert Christian Zimmermann (siehe 1802) das Grundstück Markt 5.

1832 übernimmt sein Sohn Ewald Zimmermann die väterliche Apotheke. Unter seiner Leitung wird das Laboratorium ausgebaut, wovon die Inschrift über der Tür des Labors im Seitenflügel zeugt: HOC LABORATORIUM AEDIFICATUM AB EWALDO ZIMMERMANN MDCCCXXXV (Dieses Laboratorium ist erbaut von Ewald Zimmermann 1835).

1850 verkauft E. Zimmermann die Apotheke an Carl Friedrich Otto Kanzler. Nach Genesung von einem Nervenfieber wird Zimmermann noch Ratmann in Calbe, verlässt aber 1855 die Stadt. Unter Kanzler wird im gleichen Jahr die Apotheke „zum Theil neu ausgestattet respective verschönert ... Die ganze Thüranlage ist neu und anstatt einer Stube und einer einfenstrigen Kammer, ohne Verbindungsthür mit der Küche, sind es jetzt zwei wohnliche Zimmer ... Die Treppenanlage zum Zinkdach ist äußerlich restauriert und die Firma APOTHEKE mit vergoldeten Buchstaben neu. Das Laboratorium ist mit einem Dampfapparat versehen und die Feueranlage zum Theil neu ..."

1865 wird der aus Bollenwinkel bei Kolberg stammende Wilhelm Conrad Machert als „Apothekenbesitzer allhier" bezeichnet, er starb aber bereits 1868 mit 33 Jahren. Danach übernimmt Rudolf Ernst Schmedtto die Apotheke.
Die nun rasch wechselnden Besitzer seien nur noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts aufgeführt:
1878-1882 Max Hirschfeld,
1882-1887 Johannes Liesmann,
1887-1892 Friedrich Kirchner aus Treffurt,
1892-1904 Louis Schulz aus Altena.

Im Zeitalter des modernen bürgerlichen Wirtschaftssystem war auch eine Apotheke zum Objekt kapitalistischen Geschäftssinns geworden. (Als zum Beispiel Karl Eisenberg [aus Neunkirchen, Kreis Siegen] 1936 die Apotheke kaufte, musste er eine Viertelmillion Mark bezahlen, um seine Mitbewerber auszuschalten, obwohl der Schätzwert nur die Hälfte betrug. So waren bei seinem Tode 1970 die Hypotheken noch nicht vollständig abgetragen.) (vgl. Beyer, Karl, Die Geschichte der Apotheken ..., a. a. O., bes. Geschichte der Calber Apotheken nach Recherchen von K. Herrfurth; vgl. Reccius, Chronik ..., a. a. O., S. 60 ff.)

Die im Bereich der Station 3 schon erwähnte Ratswaage war das Haus links neben dem Rathaus. Hier war im Mittelalter ein Kaufhaus (theatrum) untergebracht. Dort wurden verschiedene Waren, besonders Tuche, ausgelegt und angeboten. Mit einem Kaufhaus in unserem heutigen Sinne hatte das nichts zu tun, eher mit einer Schaubude, deshalb der Begriff "theatrum" in den Quellen. 1371 verpflichteten sich die Käufer des Grundstückes "da vormahls dat olde Cophueß uppe gestahn hadde" (wo vormals das alte Kaufhaus drauf gestanden hatte), die Ratmänner und Schöppen der Stadt, gegenüber dem Kloster Gottesgnaden jährlich eine Mark brandenburgisches Silber zu entrichten, keine für die Mühle hinderlichen Anbauten zu machen und alles zu vermeiden, was Fäulnis hervorruft (vgl. Hävecker, S. 76, Leuckfeld, a. a. O., S. 87 f.). Mit der Hygiene in damaligen Zeiten war das überhaupt so eine Sache. Kot und Misthaufen lagen auf den Straßen, so dass z. B. in der Bürgerversammlung 1596 zur Beseitigung dieser Missstände aufgerufen wurde (vgl. Reccius, S. 47). An der Stelle des ehemaligen Kaufhauses richtete der Rat die Ratswaage mit einem Ratswaagekeller ein. Hier durfte 1682 Johann Göttings Ehefrau nur "Cälberei", d. h. einheimisches Bier ausschenken (vgl. Reccius, S. 62). Die hier aufgestellte Ratswaage galt als Calbesche Normalwaage; einheitliche Reichsmaße und -gewichte gab es noch nicht. Jede Region, ja, oft auch jede Stadt, hatten ihre eigenen Normen. Die Waage in der Nähe der Mühle war auch in Hinsicht auf die Ehrlichkeit der Müller sehr praktisch.

Interessant ist das "Schaufenster" eines ehemaligen Kurzwarengeschäftes (heute ein Versand-Laden), ein Beispiel für das Äußere eines barocken Kaufladens.

Nördlich neben dem schmalen Kirchplatz-Durchgang steht das ehemalige Kaufhaus der jüdischen Familie Steiner, das in der so genannten Reichskristallnacht am 9. November 1938 völlig verwüstet wurde. Mit dieser Terrornacht begann die zweite Etappe des nationalsozialistisch-faschistischen "Juden-Programms".

So sahen Schaufenster im 17./18. Jahrhundert aus Markt mit Apotheke und ehemaligem Konfektions-Kaufhaus der Familie Steiner (rechts im Bild), das höhere Haus links neben der Stadtapotheke ist das Wohnhaus und Konfektionsgeschäft von Willy Heinemann (s. Text und Abb. unten)

Westseite des Marktplatzes um 1850 (nach: Archiv Fam. Zähle)

Ebenso wie die meisten deutschen Städte hatte auch Calbe "seine" Miteinwohner jüdischen Glaubens. Nach der gewaltsamen Vertreibung aus ihrer nahöstlichen Heimat in alle Welt im 1. Jahrhundert begannen jüdische Menschen im Mittelalter in Europa neue Existenzen aufzubauen. Religiös, aber hintergründig auch wirtschaftlich motiviert, wurden sie von den Christen als Feinde deklariert. Sie durften keine "ehrbaren" Berufe ergreifen und waren von den Innungen und Zünften ausgeschlossen. So begannen sie sich auf den Kleinhandel, auf intellektuelle/künstlerische Tätigkeiten und auf den Geldverleih (Wucher)  zu konzentrieren. Letzteres war Christen aus religiösen Gründen verboten, bedeutete aber in Zeiten der verstärkt aufkommenden Geldwirtschaft eine Notwendigkeit. Weil sie mit ihrem Geldverleih und den geforderten Schuldzinsen die Notlagen der Leute ausnutzten, wurden die Juden meist verachtete und gehasste Außenseiter der Gesellschaft. Ebenso wie vermeintliche Zauberer und Hexen wurden sie zu sozialen Sündenböcken. Von der Kirche oft sanktioniert, machte sich der Hass des Pöbels in Pogromen Luft. Hatte man aber die Juden totgeschlagen, war man (im wörtlichen Sinn) mit einem Schlag seine Schulden los.

In Mafia-Manier hielten sich die Fürsten ihre so genannten Kammer-, Hof- oder Schutzjuden, die niemand anrühren durfte, die aber dafür als Finanziers den fürstlichen Reichtum vermehren oder "Schutzgeld" in die stets leeren Kassen der Landesherren zu zahlen hatten. Darüber hinaus gab es Toleranzjuden, die zu arm waren, Schutzgelder zu zahlen, die man aber duldete, weil sie einen großen Teil des Landhandels abwickelten. Völlig ungeschützt waren die illegal lebenden armen Betteljuden.

Die jüdische Bevölkerung musste seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts besondere Kleidung tragen (spitze Hüte und gelbe Mäntel) und in abgesonderten Vierteln wohnen. Das Wort Ghetto stammt entweder aus dem Hebräischen (=Absonderung) oder aus dem Italienischen (=Gasse, ärmlicher Wohnbezirk). Im Jiddischen, einer aus dem Mittelhochdeutschen entstandenen Sprache, heißt das Juden-Viertel "Stetele".

In Calbe lagen diese Viertel in einem Teil der Tuchmacherstraße und in der Gasse "Am Wassertor".

Seit dem 14. Jahrhundert sind jüdische Bürger in Calbe nachweisbar. 1371 erwarben 19 Neubürger das Bürgerrecht in Calbe, darunter vier Juden bzw. jüdische Familien (vgl. Reccius, S. 21). Dass Juden das Bürgerrecht erwerben konnten, wirft ein positives Licht auf die politischen und geistigen Verhältnisse während der Zeit der großen Prosperität Calbes in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (vgl. Aufschwung unter Dietrich Portitz - Station 11 und Stadterweiterungen - Station 15). Auch 1392 gab es noch jüdische Bürger in Calbe, denn eine Verordnung Erzbischof Albrechts gestattete ihnen nur zusammen mit den Knochenhauern (Fleischern) Vieh zu schlachten, mit Ausnahme der Fastenzeit (vgl. Reccius, S. 22). Hundert Jahre später, vielleicht unter dem Eindruck der großen Pest-Pandemien, war von dem bürgerlichen Miteinander und der Toleranz nichts mehr zu spüren.

1493 wurden in einem besonders schäbigen Schachzug des Erzbischofs Ernst alle Juden aus Calbe vertrieben, ihr Besitz und Vermögen aber, auch ihre jüdische Schule, vom Erzbischof an die Calbeschen Bürger verkauft !!! Hävecker berichtete, dass die ehemalige jüdische Schule in der Mittelstraße (Tuchmacherstraße) abgebrannt, aber schon seit langem wieder ein privates bürgerliches Gebäude sei, weil es keine Juden mehr in Calbe gebe. Er bezog sich dabei auf die im ganzen Erzbistum vollzogene Vertreibung von 1493. Dadurch konnte der Ratsherr Hans Kytzig (bestimmt sehr preisgünstig) 1512 die leer stehende Schule erwerben und zum Privathaus ausbauen. 1713 brannte das Haus leider ab.

Auch im 16. und 17. Jahrhundert ließen Drangsalierungen und Demütigungen der jüdischen Mitbürger in unserem Gebiet nicht nach. Unter dem fadenscheinigen Vorwand, die Juden würden ein Gebet zur Lästerung des Christentums benutzten und auch sonst einige Boshaftigkeiten zeigen, erließ der brandenburgisch-preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm am 26. 9. 1653 einen Landtagsrevers, der den Juden jeglichen Handel außer auf Jahrmärkten verbot. Sie durften weder einen festen Wohnsitz noch Synagogen haben (vgl. Hävecker, S. 80). Das war übrigens der gleiche Landtag, auf dem der brandenburgische Adel gegen Bewilligung eines stehenden Heeres bedeutende Eigenrechte zugebilligt bekam, die unter anderem zur Einführung der zweiten Leibeigenschaft in Preußen führten.

Die Repressionen gegen die jüdischen Teile der Bevölkerung gingen erst wieder etwas in der preußischen Toleranz- und Merkantilismus-Phase und unter den Nachfolgern des "Großen" Kurfürsten zurück. 1706 war auf königlichen Befehl der Schutzjude Joseph aufgenommen worden, der sich aber bald wieder aus dem Staube gemacht hatte. 1718 hatte Calbe zwei königliche Schutzjuden (vgl. Reccius S. 68). 1708 wurde am 13. Sonntag nach Trinitatis in Calbe ein Jude namens Joseph Levi christlich getauft - ob zwangsweise, bleibt offen -, um ihm das Los der Bettelei zu ersparen. Der Konvertit wurde nach eigener Wahl Schneider; als Jude hätte er kein Handwerk erlernen dürfen. Nachdem er vom Magistrat eingekleidet worden war, hatte er sich auf Wanderschaft begeben (vgl. ebenda). Nach Aufzeichnungen von Johann Friedrich August Kinderling gab es Ende des 18. Jahrhunderts keine jüdischen Einwohner mehr in Calbe (vgl. Kinderling, Eine Ortsbeschreibung..., a. a. O.).

Erst mit der Französischen Revolution kam der Durchbruch, sie brachte auch für die jüdischen Mitmenschen die juristische, politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung. Durch die von Napoleon eingeleitete bürgerliche Umwälzung in Deutschland erhielten auch die deutschen Juden ihre Bürgerrechte (vgl. Station 18). U. a. brauchten sie nicht mehr in Ghettos zu wohnen und konnten bürgerlichen Berufen nachgehen.

Kaufmann Isaac Hirsch lebte schon vor 1808 in Calbe. Dann kam es zwischen 1808 und 1812 sowie noch einmal 1822  zu einer regelrechten Zuwanderungswelle jüdischer Mitbürger. Sie leisteten den Bürgereid und zahlten 6 Taler, 12 Silbergroschen und 6 Pfennige.

Diese jüdischen Neubürger waren:
Kaufmann Wolff Abraham aus Dessau änderte seinen Namen in Neuburger,
Kaufmann und Lehrer Hirsch Isaac Loewenthal aus Barby, ursprünglich aus dem Herzogtum Warschau,
Wolf Hirsch (Sohn des vorigen) aus Wörlitz änderte seinen Namen in Saalmann (- die Saalmanns betrieben dann das Textilgeschäft Markt 6 -),
Schuhmacher Gottfried Becker aus Borna,
David Mannheimer aus Altona,
Kaufmann Lazarus Steinthal aus Gröbzig,
Aron Hirsch Lilienfeld aus Hornburg,
Zahnarzt David Wohlgemuth aus Coswig, ursprünglich aus Amsterdam,
Kaufmann Joseph Reißner,
Moses Aron
Moses Fabisch aus Posen,
Kaufmann und Lehrer Frank Hirsch ,
Kaufmann Hermann Kraft (nach Recherchen von H. Schwachenwalde).

Es fällt auf, dass allein 3 jüdische Zuwanderer aus dem Fürstentum Anhalt-Dessau kamen. Auch in der anhaltinischen Exklave Mühlingen (7 km von Calbe entfernt) gab es viele Juden mit einem eigenen jüdischen Friedhof, auf dem sogar Calber Juden bis 1863 beerdigt wurden. Das hängt damit zusammen, dass das Fürstentum Anhalt-Dessau in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus, besonders unter Fürst Leopolds II. Regierung (vgl. Station 20), nicht nur Hugenotten, sondern auch besonders jüdische Bürger stark gefördert hatte.

1824 wird in den Urkunden wieder eine "hiesige Synagoge" in Calbe erwähnt.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Integration jüdischer Mitbürger in Calbe weiter zu. 1857 wurden in Calbe bereits 35 Juden gezählt, wobei wahrscheinlich die Familienoberhäupter gemeint waren, wodurch sich die Gesamtzahl noch erhöhen würde. 1864 wurden insgesamt 75 Juden aufgeführt, 69 in der Stadt und 6 in der Bernburger Vorstadt. Bald fühlte sich die kleine jüdische Gemeinde stark genug, sich einen eigenen Friedhof anzulegen. Der Schneidermeister und Zolleinnehmer Isaac Saalmann, ein Großvater Willy Heinemanns, kaufte 1862 von dem Landwirt Müller ein 1800 m² großes Grundstück "Hinter den Gärten". Der Friedhof wurde mit einer hohen Backstein-Mauer umgeben sowie mit einem gusseisernen Gitter-Tor versehen und am 7. 5. 1863 von dem Rabbiner Dr. Güdemann aus Magdeburg eingeweiht. Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurde er schwer verwüstet. 1880 gab es 48 jüdische Einwohner, die zu einer Synagogen-Gemeinde gehörten (nach Hanns Schwachenwalde). Bis auf ein paar kleine zwischenmenschliche Gehässigkeiten muss das Zusammenleben zwischen Christen und Juden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Calbe durchaus harmonisch verlaufen sein. Christen gingen gern zum jüdischen kompetenten Arzt oder entgegenkommenden Kaufmann und jüdische Mitmenschen dachten oft deutscher, nationaler und vaterländischer als die Deutschen selbst. Ihre Integrationsbereitschaft ging sogar so weit, dass einige Calbesche Juden zum evangelischen Glauben überwechselten. Viele von ihnen bewiesen im Ersten Weltkrieg, dass sie bereit waren, sich für das deutsche Vaterland zu opfern und kehrten hoch dekoriert und geehrt aus dem Krieg zurück.
All das hatte ein Ende, als im Ergebnis des verlorenen Krieges immer mehr rechtsnationalistische Gruppierungen, besonders die faschistische NSDAP, begannen, den Juden, die in Calbe z. B. niemals mehr als 0,1 - 0,4 Prozent der Einwohnerzahl ausgemacht hatten, die gesamte Schuld an Not, Elend, kapitalistischer Ausbeutung und hohen Reparationen in die Schuhe zu schieben. Wie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit mussten sie die Funktion der Sündenböcke übernehmen. Die alte proletarische Theorie vom Klassenkampf wurde in einen Kampf der Rassen umfunktioniert, und aus einem längst überwundenen religiösen wurde "völkisch"-rassistischer Hass. Auch in Calbe begann dieses Gift zu wirken.

Das Geschäft von Hugo Steiner 1925

Jüdische Mitbürger, die sich auch in Calbe wieder integriert hatten und angesehene und aktive, ja, oft sogar konservativ-national gesinnte Bürger waren, wurden nun angefeindet, verfolgt und ermordet. Die Nazis gingen bei ihrer "Entjudung" mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung schrittweise vor. Zuerst wurden die Juden aus öffentlichen Ämtern entfernt, dann wurden ihnen die Bürgerrechte genommen und schließlich trat die "Endlösung", die Vernichtung großen Ausmaßes, in Kraft. Wer es nicht schaffte, noch rechtzeitig vor 1939 (oder spätestens 1941) zu emigrieren, riskierte dadurch nicht nur den Verlust seines gesamten Vermögens, sondern auch die physische Vernichtung in einem der Todeslager. Auf  der so genannten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 wurden von Vertretern der NS-Regierung und der SS die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten zu organisieren und die dazu erforderliche Logistik sicherzustellen. Die "Lösung der Judenfrage" trat danach in ihre schreckliche Endphase. Drei jüdische Familien aus Calbe (Lipolz, Lopian und Steiner) wurden auf Grund dieser mörderischen Beschlüsse in Vernichtungslagern umgebracht (s. unten).
Hanns Schwachenwalde hat die Schicksale der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts noch in Calbe anzutreffenden 13 jüdischen Familien bzw. Einzelpersonen rekonstruiert. Seit dem November 2013 stand mir ergänzend der für Calbe relevante Ausschnitt aus der Gestapo-Deportationsliste vom April 1942 zur Verfügung, den mir dankenswerterweise Frau Pfarrerin i.R. Waltraut Zachhuber, Mitglied der Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Magdeburg", übermittelte.

Hier eine Zusammenfassung, zuvor die Bilanz des Schreckens:

Von den ca. 34 in den 1930er Jahren in Calbe lebenden Einwohnern jüdischer Herkunft konnten etwa 20 rechtzeitig in die USA oder nach England emigrieren (59 Prozent), vier überlebten in Deutschland (12 Prozent), teilweise geschützt durch ihre besonderen Fähigkeiten oder durch die Ehe mit „Ariern“, und 10 (29 Prozent) wurden im April 1942 auf den „Transport nach Osten“ geschickt, wo sie mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Vernichtungslager ermordet wurden.

 

• Familie Zuckerberg besaß das Schuhgeschäft Querstraße 34 (heute: Wilhelm-Loewe-Straße). Der 1928 verstorbene Vater Peter Zuckerberg war 1918 einer der Anführer bei der revolutionären Besetzung des Calber Rathauses gewesen. Wegen schon vor 1933 einsetzender Diskriminierungen gingen die Söhne zuerst nach Frankreich, dann in die USA. Einer von ihnen nahm als hoher Offizier an der Befreiung Deutschlands und am Pazifik-Krieg teil.
 

• Rechtsanwalt Braunstein (Breite 35) verließ Calbe 1936.
 

• Atelier-Schneidermeister Machezow (Schlossstraße 78, später Grabenstraße) ging mit der Familie nach 1936 nach England. Ein Sohn diente in der englischen Luftwaffe und bedachte das Stadtzentrum Calbes beim Überflug mit einer Maschinengewehrsalve, deren Spuren an den Gebäuden noch lange zu sehen waren. Ein Einschussloch in einem Gaupenknopf auf der St.-Stephani-Stadtkirche kann man heute noch in dieser Kirche besichtigen.
 

• Chirurg Dr. Walter Mirauer galt nach der NS-Terminologie als Halbjude und war zum Christentum konvertiert. Der beliebte Chefarzt des Calber Krankenhauses wurde nach 1933 entlassen. 1934 ging seine Familie nach Berlin. Hier überlebte er arbeitslos und unter schlimmen Repressalien den Krieg. Danach war er Chirurg im legendären Virchow-Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf.
 

• Familie Lewy besaß in der Bernburger Straße 91 ein Textilgeschäft, sie zog schon vor 1933 weg.
 

• Chaim Lipolz war Rohproduktenhändler und wohnte Poststraße 52 (August-Bebel-Straße), Ecke Querstraße (Wilhelm-Loewe-Straße). Bislang wurde angenommen, dass die Familie 1939 aus Calbe wegzog. Frau Zachhuber (s. oben), der ich für ihre Informationen noch einmal herzlich danke, stieß bei ihren Recherchen auf die Kopie einer Deportationsliste der Gestapo, auf der 10 Calbenserinnen und Calbenser - Erwachsene und Kinder - aufgeführt sind, die am 14. April 1942 von Magdeburg in das Ghetto Warschau verschleppt wurden (- am 13. von Calbe/S.). Darauf sind auch die 51-jährige Witwe Ida Sara Lipolz, die 14-jährige Tochter Ruth Sara und der 11-jährige Sohn Heinz Israel Lipolz amtlich aufgeführt. (Seit der "Namensänderungsverordnung" von 1939 wurden die deutschen Juden dadurch gedemütigt, dass sie die zusätzlichen Vornamen "Sara" bzw. "Israel" tragen mussten.) Wie oben schon erwähnt wurde, hing diese Deportation in die Vernichtungslager mit den Beschlüssen der "Wannsee-Konferenz" vom Januar 1942 zusammen. Vor ihrer Verschleppung  waren die Lipolz' zusammen mit den Steiners laut Deportationsliste im Haus des Juden Willy Heinemann, Markt 6, zwangsweise untergebracht. Die Deportationen vom Frühjahr 1942 ins Warschauer Ghetto sind dafür bekannt, dass die dort Eingetroffenen schon im Sommer 1942 in das Vernichtungslager Treblinka, und damit in den Tod weitertransportiert wurden. So wäre also anzunehmen, dass die auf der Liste aufgeführten jüdischen Menschen aus Calbe mit großer Wahrscheinlichkeit in Treblinka ermordet worden sind.

 

• Der praktische Arzt Dr. Silberstein (Tuchmacherstraße 41) war bei der Bevölkerung wegen seiner genauen Diagnosen sehr beliebt. Er verließ Calbe bereits vor 1936.
 

• Der praktische Arzt Dr. Leipziger praktizierte entweder vor oder nach Dr. Silberstein im Hause Tuchmacherstraße 41. Über sein Schicksal ist nichts bekannt.
 

• Lilli Grobe, geborene Goldschneider, war die Ehefrau des Tuchfabrikanten Carl Eduard Grobe (1866 - 1950) in Calbe, Tuchmacherstraße 55 - 57. Sie wurde am 23. 1. 1887 in Wien im zehnten Bezirk geboren. Ihr 1898 verstorbener Vater war Volksschullehrer und Verfasser liberaler pädagogischer Schriften. Sie war eine "emanzipierte" junge Frau, die schon vor ihrer Heirat ein eigenes Schreibmaschinen-Büro in Karlsbad (Karlovy Vary) gegründet hatte, in dem sie nicht nur die Chefin war, sondern auch selbst mitschrieb. Schon damals war sie zum christlich-evangelischen Glauben konvertiert. Ihr 21 Jahre älterer Ehemann stammte aus der alteingesessenen Tuchmacherfamilie Grobe in Calbe (vgl. Stationen 1 und 9). Sein Vater Eduard Grobe (vgl. Bild und Text Station 9) hatte die bedeutende, 1929 stillgelegte Grobe´sche Tuchfabrik begründet. Mittels der verbrecherischen "Nürnberger Rassegesetze" wurde Lilli Grobe 1936 zur Jüdin erklärt. Nach der so genannten Reichskristallnacht wurde das Vermögen der "Jüdin Lilli Sara Grobe" als "Sühneleistung der Juden" konfisziert und ihr monatlich zum Lebensunterhalt 100 Reichsmark zugebilligt. Trotz starken Drängens seitens der NS-Führung ließ sich Carl Eduard Grobe nicht von Lilli scheiden. Die Zeit der Finsternis überstand sie ohne physische Schäden. Nach dem Tode ihres Mannes 1950 lebte sie zurückgezogen in Calbe, sie starb am 8.5.1961.
 

• Die Heinemanns waren wohl die bekannteste jüdische Familie in Calbe. Vater Gustav Heinemann kam 1880 nach Calbe. Durch Heirat mit einer Saalmann-Tochter übernahm er 1895 das Textilgeschäft Markt 6. In dieser Zeit war Gustav Heinemann Vorsteher der Synagogen-Gemeinde in Calbe. Sein Sohn Willy Heinemann nahm am Ersten Weltkrieg teil und erhielt für seine Verdienste das Eiserne Kreuz II. Klasse. Nach dem Krieg wurde er Mitglied der SPD und Abgeordneter im Stadtparlament. Schon vor dem Weltkrieg war er Mitbegründer des Radfahrvereins in Calbe gewesen. Ca. 1900 trat er der Freiwilligen Feuerwehr in Calbe (vgl. Station 19) bei und wurde 1919 ihr Leiter und Branddirektor. Unter seiner Leitung erlebte die Calber Feuerwehr einen großen Aufschwung. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich mit dem Neubau des Feuerwehr-Gerätehauses mit den dazugehörigen Wohnungen am Neuen Markt im Jahre 1928. Weil er Jude war, wurde er am 31. März 1933 "einstimmig" aus der Feuerwehr ausgestoßen. In dem Pogrom am 9. November 1938 ("Reichskristallnacht") wurde auch sein Geschäft demoliert. Willy Heinemann wurde aber nicht verhaftet oder abtransportiert, er erhielt Geschäftsverbot und Hausarrest. Bevor die Familien Lipolz und Steiner 1942 zur Vernichtung in Richtung Osten abtransportiert wurden, hatte man sie laut Angaben in der Deportationsliste (s. oben) im Haus von Willy Heinemannn zusammengepfercht. Wahrscheinlich aufgrund seiner Verdienste für die Stadt Calbe ist Heinemann außer einigen Verhören in der NS-Zeit nichts Schlimmes passiert. Zur Zeit der massiven Bombardements der Großstädte durch die anglo-amerikanischen Bomberflotten wurde er sogar wieder wegen Mangels an kompetenten Kräften zum Dienst in der Feuerwehr - natürlich unter Bewachung - herangezogen. Nach dem Kriege wurde Willy Heinemann vom sowjetischen Stadtkommandanten damit beauftragt, die Calber Feuerwehr wieder aufzubauen. Nach 48 Dienstjahren in der Freiwilligen Feuerwehr wurde er als Ehrenbranddirektor feierlich verabschiedet. Willy Heinemann starb Ende der 1950er Jahre. Die Familie seines Bruders Erich, dessen großes Bekleidungsgeschäft in Magdeburg während der "Reichskristallnacht" völlig demoliert worden war, wurde verhaftet und in KZs verschleppt. 70 Verwandte Willy Heinemanns, zwischen 3 und 80 Jahren alt, wurden in Vernichtungslagern umgebracht.
 

• Die Schwester von Willy Heinemann, verheiratet mit Franz Stubbenhagen (Magazinstraße 1), war schon frühzeitig zum christlich-evangelischen Glauben konvertiert. Sie überlebte die NS-Zeit ohne schlimmere Beeinträchtigungen.

Das Steiner-Geschäft am Morgen nach der Pogrom-Nacht: Scheiben zerschlagen, Laden ausgeplündert

 

• Die Familie Steiner baute in den 1920er Jahren das Kaufhaus Markt 4 (vgl. Abbildung oben). An dieser Stelle ist seit 1584 ein Haus nachweisbar. Bis 1673 befand sich dort ein Brauhaus. Wie Max Dietrich berichtete, stand an der gleichen Stelle um 1900 die Konditorei Dübecke (vgl. Dietrich, Heimat, S. 12). Nach umfangreichen Umbauten richtete Hugo Steiner dort ein modernes Herren-Konfektionsgeschäft mit großen Schaufenstern ein, wie es heute noch zu sehen ist. Sein Sohn Martin Steiner führte nach dem Tode des Vaters das Geschäft weiter. Die Steiners waren gute Geschäftsleute und bei der Bevölkerung beliebt, weil sie mit sich handeln ließen und ihre Anzüge preiswert anboten. Besonders die Arbeiter kauften dort gern. Wegen massiver Drohungen durch die NSDAP "verkaufte" Martin Steiner sein Geschäft 1936 an Hans Helmstaedt. Das schützte ihn aber nicht vor der völligen Verwüstung seines Konfektionshauses in der so genannten Reichskristallnacht (Pogromnacht) am 9. November 1938. Gegen 21.30 Uhr erschienen Schlägertrupps aus Schönebeck mit Beilen und Äxten, demolierten das Geschäft und räumten es aus. Ein Augenzeugin von damals, Frau Gisela Tritschler schrieb 2012 dazu: "In der Reichs-Kristallnacht sollten auch die Scheiben dieses Ladens eingeschlagen werden. In Calbe hat sich niemand bereit gefunden, das zu machen. Am nächsten Tag wurde ein Schlägertrupp aus Schönebeck geholt, der dann tätig wurde. Die jungen Leute grölten und randalierten im Laden und warfen alles herum. Ein älterer Mann hat sich eingemischt und erbost zu den Männern gesagt, dass sie sich schämen sollen. Ungefähr eine Stunde später sah ich, wie dieser Mann von einem Polizisten quer über den Marktplatz zur Polizeiwache geführt wurde. Hugo Steiner musste später das Haus aufgeben. Er hat dann noch eine kurze Zeit in der Schloßstraße einen kleinen Laden gehabt, dann wurden er und seine Frau abgeholt. Helga wohnte zunächst bei Bekannten. Sie war sehr verzweifelt, weil sie nicht wusste, was mit ihren Eltern geschehen war. Aber dann bekam sie eine Karte. Ihre Eltern schrieben, es ginge ihnen gut und sie hoffen, dass sie sich bald wiedersehen. Helga war überglücklich. Doch eines Tages ist sie dann auch weg gewesen. Ihre Spur hat sich verloren." Auch die 51-jährigen Flora und Martin Steiner sowie ihre 18-jährige Tochter Helga standen auf der oben angeführten Deportationsliste vom 14. April 1942 (- am 14. Abtransport von Magdeburg). Wie auch die Lipolz' hatte man die Familie Steiner vor der Verschleppung in Richtung Osten in das Haus Markt 6 zwangsinterniert. Bisher wurde kolportiert, dass Helga von einer Haushaltsgehilfin versteckt gehalten wurde. Ob sie wirklich den NS-Terror überlebt hat, ist nach den Angaben der nun aufgetauchten Liste mehr als zweifelhaft.
 


• Altstoff- und Pferdehändler Bernhard Lopian (Tuchmacherstraße 54) hatte vier Söhne, von denen die zwei älteren, Heinz und Joachim, 1936 von ihrem Onkel nach England geholt wurden. Der drittjüngere, Jacob, konnte mit einem der letzten Kindertransporte 1939 nach England geschickt werden. Das rettete den dreien das Leben. Bernhard Lopian (geboren 1892) und seine Frau Fanny (geboren 1903) wurden zusammen mit ihrem anderthalb Monate alten Sohn Wolfgang laut Magdeburger Deportationsliste (s. oben) am 13. April ins Warschauer Ghetto abtransportiert, von wo sie
zur Vernichtung ins KZ  Treblinka kamen. Der älteste Sohn Heinz war während des Krieges britischer Offizier, Joachim war Zahnarzt in London geworden. Heinz und Jacob haben ihre "Heimatstadt" nur noch einmal ganz kurz besucht (nach Hanns Schwachenwalde). Ob sie da schon etwas vom grausamen Tod ihrer Eltern und ihres kleinen Bruders Wolfgang wussten, ist unbekannt. 

 

Mordfabrik Treblinka

Tag und Nacht waren die Güterwagentransporte von Warschau nach dem neu errichteten Lager im Walde nahe dem polnischen Vorwerk Treblinka unterwegs. Dicht gedrängt, zusammengepfercht in den Waggons, wo unbeschreibliche Zustände herrschten, schrien die Menschen nach Wasser. Beim Öffnen der Waggons mussten schon die ersten Leichen ausgeladen werden.

Treblinka war das „reine" Vernichtungslager, eine effiziente Todes-Fabrik. Ab August 1942 wurden in Treblinka zu den zwei vorhandenen 10 neue Gaskammern gebaut. Insgesamt konnten jetzt 4 600 statt 600 Menschenauf einmal durch Giftgas ermordet werden.  Da die Gaskammern nun niedriger gebaut waren, ging die Ermordung durch das Gas schneller. Auch die Verbrennung der Leichen in einer bestimmten Zeit wurde in Treblinka weiter gesteigert. Auf riesigen Rosten (50 Meter lang und 25 Meter breit), die auf gemauerten Sockeln lagen, wurden auf einmal bis zu 3 000 Leichen verbrannt.

Die „Begrüßung" war verknüpft mit brutalem Terror. Bewaffnete SS-Leute und ukrainische Hilfstruppen prügelten auf die Häftlinge ein, hetzten sie im Laufschritt zum Vernichtungskomplex, damit für sie keine Zeit blieb, das eigentlich Unvorstellbare, was mit ihnen geschehen sollte, zu durchschauen. Alle, die sich in irgendeiner Art und Weise wehrten, wurden sofort ermordet. Den SS-Terror auf dem Weg zu den Gaskammern in Treblinka schildert Abraham Goldfarb, ein Überlebender aus Treblinka:

„Auf dem Weg zu den Gaskammern standen an beiden Seiten des Zaunes Deutsche mit Hunden. Die Hunde waren darauf abgerichtet, Menschen anzufallen; sie bissen die Männer in die Genitalien und die Frauen in die Brüste und rissen Fleischstücke heraus. Die Deutschen schlugen mit Peitschen und Eisenstangen auf die Menschen ein, um sie anzutreiben, so daß sie schnell in die ,Duschen' drängten ... Die Deutschen trieben die rennenden Opfer an mit Rufen wie: Schneller, schneller, das Wasser wird kalt, und andere müssen auch noch unter die Duschen!' Um den Schlägen zu entkommen, rannten die Opfer so schnell sie konnten zu den Gaskammern... " (Rückerl, Adalbert (Hrsg.), Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas, Frankfurt/Main 1986, S. 181.)

Es gab als „Umkleideräume" getarnte Räume oder Plätze, wo die Häftlinge ihre Kleider geordnet hinlegen mussten. Es schien, als sollten sie das deshalb machen, um nach dem „Bad" ihre Sachen wiederzufinden. Mehrere Schilder in verschiedenen Sprachen suggerierten den Häftlingen, dass sie wirklich „zum Bad" gingen. Kurz vor der Ermordung in den Gaskammern hielt ein SS-Mann, bevor er den Gashahn aufdrehte, noch einmal eine zur Täuschung bestimmte Rede. Die Gaskammern selbst sahen Duschräumen täuschend ähnlich. Dann wurden die Häftlinge meist mit brutaler Gewalt, Peitschenschlägen, Schüssen und bissigen Hunden in die Gaskammern gepfercht und ermordet.

Tausende Menschen waren noch nicht vernichtet, da rollten schon die nächsten Viehwaggons auf den Rampen an. Diese bestialische Vernichtung lief wie „am Fließband", fast ohne Pause.

Von den etwa 60 Männern, die beim Aufstand der Todgeweihten am 2. August 1843 durch Flucht entkamen, haben einige das Grauen überlebt. Ob da unsere jüdischen Mitbürger aus Calbe noch am Leben waren, ist bei der mörderischen Effizienz der Todesfabrik mehr als zweifelhaft.

Vgl. und zitiert nach: Autorenkollektiv, Über den Widerstand in den KZs und Vernichtungslagern des Nazifaschismus, Offenbach 1998, 1. Auflage (Im Internet unter: http://www.red-channel.de/mlliteratur/benariobaum/nazi/nazi.htm); Wikipedia (Vernichtungslager Treblinka), Dokumentarfilm "Shoah" (Frankreich 1974-85), gesendet auf "arte" am 12.1.2013.
 

 

Damit endet die Geschichte unserer jüdischen Mitbürger in Calbe, die ihrer deutschen Heimat über sieben Jahrhunderte hinweg so viel an Fleiß, Klugheit und Liebe gegeben haben und die durch den Holocaust, einem der schlimmsten Verbrechen in der Geschichte, so sehr gelitten haben.

 

(Bitte schreiben Sie mir, wenn Sie weitere oder andere Informationen zum Schicksal der jüdischen Mitbürger in Calbe besitzen! Noch einmal meinen herzlichen Dank an Frau Zachhuber!)